Die Erneuerung der Kirche – Tiefgreifende Reform im 21. Jahrhundert

Eine Buchbesprechung

Das englische Original ist schon ein paar Jahre alt; die deutsche Übersetzung jedoch erst kürzlich erschienen: „Die Erneuerung der Kirche“. Das Buch stammt von George Weigel, bekannt besonders als Biograf von Papst Johannes Paul II., aber auch darüber hinaus ein besonders in neokonservativen Kreisen gefragter und gefeierter Denker. Wie der Untertitel uns verrät, geht es in dem vom „Media Maria Verlag“ publizierten und rund 400 Seiten umfassenden Werk um eine „Tiefgreifende Reform im 21. Jahrhundert“, so wie Weigel sie sich wünschen würde – und mit ihm sicherlich der Großteil der Priester und Laien der Generation Johannes Paul II. sowie der Generation Benedikt XVI.
Der englische Titel von „Die Erneuerung der Kirche“ ist übrigens wesentlich provokanter: „Evangelical Catholicism“. Durch das ganze Buch versucht Weigel diese Bezeichnung zu etablieren, um seine Vorstellung von der Kirche der Zukunft vom Progressismus auf der einen und vom Traditionalismus auf der anderen Seite abzugrenzen. Es wäre indes verkürzt, die Bezeichnung als Anbiederung an konservative Protestanten zu verstehen, denn Weigel meint mit „evangelikal“ etwas anderes: „Der evangelikale Katholizismus ist keine Art und Weise des Katholisch-Seins, die gewisse katechetische Praktiken und gottesdienstliche Formen des evangelikalen, fundamentalistischen und pfingstlichen Protestantismus adaptiert.“ Stattdessen sei er „ein Katholizismus, der – nicht selten unter großen Schwierigkeiten – als das Ergebnis einer tiefgreifenden Reform durch das Wirken des Heiligen Geistes hervorgebracht wird.“

Laut Weigel hat die „tiefgreifende Reform der katholischen Kirche“ bereits mit Papst Leo XIII. eingesetzt, wobei diese These nicht ausreichend verteidigt wird. Sowohl Progressisten als auch Traditionalisten sind sich einig, das mit dem Zweiten Vatikanum massive Änderungen vorgenommen wurden – ob es tatsächlich ein Bruch ist, sei dahingestellt. Beispiel Religionsfreiheit: George Weigel akzeptiert schlicht und einfach, dass das Verständnis der Beziehungen zwischen Kirche und Staat, wozu die Religionsfreiheit gehört, dasjenige von John Courtney Murray sein müsse, wonach, grob gesagt, dem amerikanischen Modell zu folgen sei. Vor dem Konzil war Murray vom Vatikan gebeten worden, nicht länger zu diesem Thema zu publizieren. Und auch jetzt ist es nicht sicher, dass die entsprechenden Konzilsäußerungen im Sinne von Murray interpretiert werden müssen. Dies zeigte zuletzt eine Tagung in Norcia, wo unter den eingeladenen Experten keine Einigkeit darüber herrschte, was das korrekte Verständnis der besagten Texte ist.

Stellenweise unerträglich ist Weigels herablassende Haltung gegenüber Traditionalisten. So schreibt er beispielsweise: „Doch auch der katholische Traditionalismus ist kein plausibles, ja nicht einmal ein mögliches Modell eines lebendigen Katholizismus. Er leugnet die Realität der Bedingungen, unter denen das Evangelium im 21. Jahrhundert verkündet werden muss – und verurteilt sich damit selbst zur evangelikalen Unfruchtbarkeit, weil er, statt zu Bekenntnis und Mission aufzurufen, lieber den Rückzug in Bunker und Katakomben propagiert.“ Trifft dies tatsächlich zu? Sind Traditionalisten nicht „missionarisch“ – was auch immer das genau bedeutet? Wie kommt es, dass unter den ungünstigsten Bedingungen, die – machen wir uns nichts vor – trotz Summorum Pontificum und einigen darauf folgenden besseren Umständen bis heute andauern, der Traditionalismus keineswegs den Rückzug angetreten hat?

Was Weigels Vorstellungen zur Liturgiereform betrifft, so wäre dies sicher ein Fortschritt gegenüber der durchschnittlichen Messe der Nachkonzilszeit. Wiederum begegnet einem hier jedoch die Verachtung des Traditionalismus. „Für eine kleine Minderheit von Katholiken stellt das Missale von 1962 die Liturgie dar, die am ehesten geeignet ist, sie zu der von ihnen angestrebten Form der Anbetung hinzuführen. Für die überwältigende Mehrheit der Katholiken wird die Reform der Reform jedoch eine Fortsetzung der Reform des Novus Ordo im oben skizzierten Sinne sein. Liturgie-nostalgische Bestrebungen, die eine vermeintliche Vergangenheit wieder aufleben lassen wollen (eine Vergangenheit überdies, die ganz anders ist, als Katholiken, die in den 1950ern gelebt haben, sie in Erinnerung haben), stellen keinen geeigneten Kurs für die Zukunft dar und werden diese Reformen eher verzögern als voranbringen.“ Der aufrichtige Traditionalist wünscht sich die alte Messe aber nicht nur, weil er sie aus ästhetischen Gründen bevorzugt oder weil sie ihm persönlich zu einer innigeren Beziehung mit Christus verhilft, wie Weigel unterstellt, sondern vor allem, weil sie Gott besonders angemessen ist.

Es gäbe viele weitere Kritikpunkte, doch würde es zu weit führen, hier alles zu erwähnen. Generell kann man sagen, dass Weigel dem Traditionalismus oft Dinge vorwirft, die mindestens überspitzt sind und mitunter überhaupt nicht zutreffen, während er andererseits den evangelikalen Katholizismus davon abgrenzt, obwohl die Traditionalisten eine vergleichbare Position einnehmen. Welcher Traditionalist wünscht sich etwa nicht, dass die Katechese intensiviert wird, dass auch Erwachsene weiter in ihrem Wissen um den katholischen Glauben wachsen, und dass dieses größere Wissen zu einer intensiveren Liebe zu Gott führt?

Schließen wir mit einem Zitat von Papst Johannes Paul II., das Weigel in Bezug setzt zum evangelikalen Katholizismus: Es wäre falsch, „sich mit einem mittelmäßigen Leben zufriedenzugeben“. Weigel schreibt, schon Pius XI. habe die Gläubigen dazu aufgerufen, Gott dafür zu danken, „dass sie inmitten dieser Herausforderungen leben dürfen, in denen es nicht erlaubt sei, mittelmäßig zu sein. Dies ist eine Lektion, die für alle Katholiken – auch Traditionalisten – gilt.

Weigel_Erneuerung coverGeorge Weigel
Die Erneuerung der Kirche
Tiefgreifende Reform im 21.Jahrhundert
Verlag Media-Maria 2015
ISBN 978-3945401125
416 Seiten; 24,95€

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