Warum ein Anaesthesist bei Organspenden benötigt wird

Ich musste nur einige Male den Tod feststellen. Einmal bei einem Dreijährigen, und einmal bei einem Erwachsenen. Bei beiden hatte das Herz aufgehört zu schlagen. Der Tod war offensichtlich.

Mit dem Hirntod ist schwerer umzugehen, sowohl aus medizinischer als auch psychologischer Sicht. Ich stelle mir vor, dass jeder an den Punkt kommt, die Frage zu stellen, „Bist du dir sicher? Bist du dir wirklich sicher? Woher weißt du das so genau? Wie kannst du dir sicher sein?“ Manchmal, wenn die Hirnstamm-Funktion erloschen ist und offensichtlich nicht wieder rückgängig zu machen ist, bleibt ein steter, starker Herzschlag. Stark. Kräftig. Aktive Lebenszeichen.

Einmal sah ich eine Wiederholung von „Ghost Whisperer“. Ich mag Gespenstergeschichten. Ich denke, egal ob man an eine Seele glaubt, die nach dem Tod weiterlebt oder nicht, können Gespenstergeschichten doch interessant und ansprechend sein, weil jeder sich an das Gefühl erinnert, verzaubert zu sein oder jemanden verzaubern zu wollen. Sogar der Impuls, Orte zu besuchen, die wir seit langem nicht mehr gesehen haben, zeigt diesen Drang zum Irrealen. Der Ort zieht uns immer noch in den Bann, und wir wollen dahin zurückkehren, um ihn ein bisschen heimzusuchen.

In dieser Episode von „Ghost Whisperer“erhält die Hauptfigur, die Gespenster sehen und mit ihnen sprechen kann, Zeichen und Visionen von einem Mann, dessen Körper im Koma liegt, aber dessen Seele sich danach sehnt, sich zu befreien und weiterzugehen. Seine Familie zögert, die lebenserhaltenden Maßnahmen beenden zu lassen, daher bleibt er gebunden, nicht imstande, entweder als erdgebundener Geist weiterzuwandern oder in den Bereich des Friedens zu gehen, der außerhalb dieser Welt besteht. Jedesmal, wenn ich eine Intensivstation betrete, denke ich an diese Episode. Auch wenn es keine Geister und Gespenster geben sollte, woher wissen wir, ob nicht in einem tief inneren Teil des Patienten dieses Gefühl da ist, in der Falle zu sein, gebunden an  Beatmungsgeräte und Schläuche?

Wenn sich eine Familie dazu entscheidet, ihren geliebten Angehörigen freizugeben und sich für die Leben schenkende Organspende entscheidet, denke ich daran, wie schmerzhaft es sein muss, ihn zum letzten Mal zu sehen. Ich habe Eltern und Geschwister weinen hören, während  ich darauf wartete, einen hirntoten Menschen in den Operationssaal zu bringen für die Organentnahme. Ich habe gesehen, wie eine Frau weinend den Ärzten und Pflegenden dankte, als sie zum letzten Mal die Intensivstation verließ und ihre Schwester in unserer Obhut ließ. Ich sah eine Patientin, die jünger war als ich, und dachte, „Dein Leben fing gerade erst an“ und fühlte mich elend und traurig. Und doch schreitet  mein Pflichtgefühl automatisch ein: Jetzt nicht. Jetzt ist keine Zeit für Gefühle. Du musst deine Arbeit machen. Sorge dafür, dass alle Familien, die heute auf einen neuen Anfang warten, die besten und gut erhaltenen Organe bekommen, die du diesen Familien beschaffen kannst. Aber ich fühle mich elend. Ich will etwas sagen. Ich will schreien. Nein. Keine Übelkeit. Kein Schrei. Du tust, was du tun musst, und weinst später. Das ist es, was ich tue.

Jeder, der sich darüber wundert, dass ein Anaesthesist bei der Organspende von Hirntoten erforderlich ist, hat keine Vorstellung davon, was dieser dabei zu tun  hat. Er muss dafür sorgen, dass die Organe gut durchblutet sind und mit Sauerstoff versorgt werden. Normalerweise bedeutet dies, einen Patienten unter Narkose am Leben zu halten. In diesem speziellen Fall bedeutet es, die Herz- und Lungenfunktion des Patienten stabil zu halten, damit die Spenderorgane einen oder mehrere andere Menschen am Leben erhalten. Ich möchte nicht  lügen und behaupten, dass ich mich bei diesen Fällen genauso wie bei anderen auch fühlen würde, genauso wie bei anderen Herz-Operationen. Das ist nicht so. Es ist befremdend. Der Patient ist tot für die Angehörigen, aber lebendig für andere. Tot, aber nicht ganz tot. Ich versorge die lebende Hülle eines Menschen. Einen Körper, der stirbt und am Ende tot ist.

Für den Anästhesisten kommt der Moment, wenn der Chirurg die Aorta abklemmt (und, falls das Herz entnommen werden soll, das Herz herausschneidet). Danach können wir den OP verlassen. Für die Transplantationschirurgen beginnt jetzt erst die Arbeit: Nach einer schätzungsweise vierstündigen Organexplantation müssen sie mit den Organen in die entsprechenden Kliniken fahren und dort etwa acht oder mehr Stunden operieren, jetzt, um die entnommenen Organe  hoffnungsvollen  Patienten einzupflanzen, die schon auf ihr neues Leben gewartet haben. Für uns aber ist es an der Zeit, die Geräte abzuschalten und den Patienten zurückzulassen: die einzige Gelegenheit, bei der wir einen Patienten unversorgt im Raum zurücklassen. Das fühlt sich immer unheimlich und falsch an, aber was kann man noch tun, wenn es weder ein schlagendes Herz, keine Durchblutung und keine Atmung mehr gibt? Und an diesem Punkt gibt es eine fast greifbare energetische Veränderung im Raum. Dieser Patient wird zu einer Hülle, ohne die Ausstrahlung, die ein lebender Mensch hat.

Danach schwirren alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Was, wenn es mein Liebster gewesen wäre? Oder ich es? Was hätte ich gewollt oder anders gemacht? Letzte Woche habe ich ein Eis gegessen. Letzte Nacht habe ich den Menschen umarmt, den ich am meisten liebe. Dieser tote Mensch wird das nie mehr können. Ich möchte Florence noch einmal sehen, bevor ich  das Universum verlasse. Ich möchte Croissants machen. Ich möchte meinen Sohn das Violin-Konzert von Bach spielen hören, an dem er gerade übt. Ich möchte herzhaft lachen können, wenn ich mit meiner Tochter spiele. Was sonst will ich noch auf jeden Fall erledigen? Die Gedanken kommen, wenn man ihnen Raum und Zeit gibt, und mein Pflichtgefühl muss mich nicht länger dazu bringen, nur an meine Aufgaben zu denken.

Organentnahme ist noch eingreifender als Operationen am Herzen. Sie erinnert uns konkret an unsere eigene Sterblichkeit und unser Festhalten am Leben. Vor kurzem habe ich die Vorfahren meiner Kinder väterlicherseits und auch meine Vorfahren erforscht, und wenn ich viele Generationen zurückgehe, und die Geburtsdaten, Todesdaten und Hochzeiten sehe – alles große Ereignisse, wenn wir sie erleben, aber dennoch  nur Tropfen im Ozean der Zeit, wenn wir sie über die Jahre aufgereiht  sehen – denke ich, wie paradox es ist, dass wir so klein und unwichtig sind, und dennoch so geliebt. und wichtig. Ich spüre auch, dass alles, was wir weitergeben an Gedanken und guten Taten viel wichtiger ist als das, was wir an Erbgut weitergeben. Unser Leben ist so kurz, danach ereilt uns alle der Tod. Man kann ihn nicht vermeiden. Dieser Augenblick ist alles, was wir haben. Es ist an der Zeit, das Beste daraus zu machen.

+

„Anesthesioboist T“ ist ein Anaesthesist, der unter http://anesthesioboist.blogspot.de/
bloggt. – VORSICHT für jene, die entsprechende Fotos nicht ertragen können.
Anesthesioboist T., MD/ Mediziner/ 13.2.2012
http://www.kevinmd.com/blog/2012/02/anesthesiologist-needed-organ-donation.html

 

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