Herzensbildung – Halbbildung

Es ist manchen Menschen nicht möglich, gediegene Bildung zu erwerben. Sie konnten keine höhere Schule besuchen, der Lebensunterhalt musste beschafft werden, diese Notwendigkeit hinderte sie, sich weitergehende Kenntnisse anzueignen und stärker an den kulturellen Errungenschaften teilzunehmen.

Dennoch gibt es unter diesen wenig gebildeten Menschen gediegene, feine und edle Personen. Sie besitzen die so genannte Herzensbildung. Die Herzensbildung, das ist das Gegenüber zur Verstandesbildung. Mit dem Herzen, das gebildet werden soll, ist die Gesinnung, das sittliche Empfinden, der Umgang mit den Menschen gemeint. Herzensbildung ist Zartheit der Empfindung, ist Anteilnahme am Leid des anderen, ist Tugendhaftigkeit. Wer Herzensbildung besitzt, der meidet alles vorlaute, selbstsichere und auftrumpfende Wesen. Er ist beherrscht und überlegt im Reden und Handeln.

Es gibt auch ein Zerrbild der Bildung; das ist die Halbbildung. Halbbildung besteht in der Überschätzung des Wissens und der Bildung in Verbindung mit einer nur äußerlichen Aufnahme alles möglichen Wissensstoffes, den man weder völlig verstehen noch verarbeiten kann. Halbbildung findet sich in allen Ständen, auch bei den so genannten Gebildeten. Sie schafft eine Überheblichkeit, die sich nicht nur für klüger und gebildeter hält als andere, sondern auch zu einer großen Gefahr für das sittliche und religiöse Leben werden kann; der Halbgebildete meint nämlich, alles besser zu wissen. Er ist der typische Besserwisser. Er hält sich für berechtigt, an allem zu nörgeln und an allem zu zweifeln. Längst überwundene Denkweisen des 19. Jahrhunderts und Ansichten fristen im Halbgebildeten ein zähes Leben. Sie machen ihn unbelehrbar und hochmütig, sie führen zu Zweifeln und Ablehnung gegenüber den Lehren des christlichen Glaubens und gegenüber den sittlichen Forderungen. „Halbes Wissen wendet von Gott ab. Wahre und eigentliche Wissenschaft führt zu Gott hin “, hat einmal Francis Bacon geschrieben.

Streben wir, meine lieben Freunde, danach, gebildete Menschen zu werden, damit wir die Fähigkeiten ausbilden, die Gott uns gegeben hat, damit wir die Kirche zieren mit unserer Persönlichkeit, damit wir den Begegnungen gewachsen sind, die unweigerlich über uns kommen, damit wir an den Kulturaufgaben unseres Volkes mitarbeiten können, damit wir ratlosen und führungslosen Menschen Rat und Führung zuwenden können.

Erwerben wir auch Herzensbildung. Wir haben, meine lieben Freunde, ein Vorbild für die Bildung unseres Herzens: „Heiligstes Herz Jesu, sanftmütig und demütig von Herzen, bilde unser Herz nach deinem Herzen.“

(aus: Prof. Dr. Georg May. Glaubenswahrheit.org)

 

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