Pfarrer Stefan Kaiser verstorben. – RIP.

Stefan Kaiser, 1962 in Düren-Birkesdorf geboren, wurde 1988 in Aachen durch Bischof Hemmerle zum Priester geweiht. Am 6. August 2016 ist er im Alter von 53 Jahren gestorben. „Er erlag unerwartet rasch einer schweren Organerkrankung.“ Seine Beerdigung fand am 15. August, dem Hochfest Mariä-Himmelfahrt statt.

War Pfarrer Kaiser ein Opfer der Willkür des „Bischöflichen-Apparates“ des Aachener Bischofs em. Heinrich Mussinghoff?

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Als im September 2009 im Rahmen der groß angelegten Fusionen von Pfarreien im Bistum Aachen mit der Errichtung von „Gemeinschaft der Gemeinden (GdG)“ in die Endphase ging, und zuletzt auch  die Pfarrer „verschoben“ wurden, geschah dies generalstabsmäßig und  in autoritärer Manier. Per Serienbrief von Domkapitular Heiner Schmitz, dem „Hauptabteilungsleiter Pastoralpersonal im Bischöflichen Generalvikariat Aachen“ wurde neben vielen anderen Priestern auch Stefan Kaiser, dem Pfarrer von St. Peter in Krefeld-Uerdingen, mitgeteilt, dass er künftig woanders tätig werden solle.

Diese Nachricht des Bischofs erreichte Pfarrer Kaiser aus heiterem Himmel. Weder der Bischof selbst, noch seine Adjutanten im Generalvikariat hatten vorher darüber etwas verlauten lassen oder ein persönliches Gespräch gesucht. Wie in der Zeitung zu lesen war hatte sich Pfarrer Kaiser sehr geärgert. Möglicherweise hat er sich dann im Ton vergriffen, als er äußerte: „Dieser Stil des Bistums scheint mittlerweile allgemein üblich zu sein und spricht für die menschliche Qualität der Bistumsleitung.“

Der Bezirksvorsteher in Uerdingen war über die Entscheidung des Bischofs dermaßen entsetzt, dass er sich für die Sache des Pfarrers einsetzte, denn es handelte sich um diejenige Pfarrei, die den höchsten Kirchenbesucheranteil hatte. Er schrieb an Bischof Heinrich Mussinghoff: „Sie wissen nicht, was sie tun. Wenn sich ein Bischof so weit von seinem Bistum entfernt, dass er die vorrangigen Probleme nicht mehr wahrnimmt, müsste er sich sagen, dass er nicht geeignet ist, dieses Bistum zu führen. Man kann nur den Heiligen Geist bitten, dass er alles andere liegen lässt und sich nur auf das Bistum Aachen konzentriert.“ Die „2500-Seelen-Pfarre-St. Peter-Uerdingen“ war in Sorge, nicht zuletzt um ihren „sehr guten Seelsorger“. Doch der Einsatz für ihren Seelsorger verhallte in Aachen in tauben Ohren.

Pfarrer Stefan Kaiser wurde in die fusionierenden Pfarrgemeinden St. Lambertus Birgelen, St. Johann Baptist Myhl, St. Mariä Himmelfahrt Ophoven, St. Martin Orsbeck, St. Martin Effeld, St. Georg Wassenberg und St. Mariä Himmelfahrt Wassenberg-Oberstadt bestellt. Für den 7. Oktober 2009 wird er an einem Mittwochabend um 20 Uhr zu einem „Vorstellungs- und Kennenlerngespräch“  eingeladen. Pfarrer Kaiser sollte sich vorstellen und Perspektiven für die gemeinsame pastorale Zukunft mit den Vertretern der Pfarreien besprechen. Auch dies kann man in Zeitungsberichten nachlesen.

Die Zwangsfusionierer in Aachen wussten es längst: da Kaiser ihnen als Konservativer galt, hatte er mit seinen Kirchen- und glaubenstreuen Vorstellungen, in der „Gemeinschaft der Gemeinden (GdG)“ von vorne herein keine Chance und musste scheitern. „Den Konservativen“ wollten „die Taufscheinkatholiken“ nicht. Nach einem halben Jahr war seine Gesundheit mehr als angegriffen. Er kam nach Aachen ins Marienhospitel, dann als Pfarrer nach Nideggen in der Eifel.

Wie das Bistum Aachen mit ihm umgegangen ist? Begeben wir uns nicht in die Welt der Spekulationen und missbrauchen wir nicht die Diskretion. Doch sei hier festgehalten, was eine Gläubige über ihn sagte: „Er war einer der besten und frömmsten Priester die ich kannte.“

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Lassen wir an dieser Stelle einen „priesterlichen Mitarbeiter“ der „GdG-Heimbach-Nideggen“ zu Wort kommen. Er gedachte am 21. August 2016 in der Sonntagsmesse in Nideggen seines verstorbenen Mitbruders im Priesteramt. Im folgenden Ausschnitte seiner Predigt (Hervorhebungen von mir):

In dieser Heiligen Messe gedenken wir des früheren Seelsorgers dieses Pfarrverbandes. Kurz, viel zu kurz, war er hier tätig; und hat dann noch 2 ½ Jahr Tür an Tür mit dieser Pfarrkirche gelebt und in ihr beinahe täglich das Geheimnis des Glaubens allein mit dem unsichtbaren Gott gefeiert.

[…] Er war eine Persönlichkeit, die an ihre ureigene Berufung zum Seelsorger geglaubt hat. Er war ‚voll präsent‘ mit allen Fasern seines Wirkens, mit dem Risiko, unbequem zu sein, nonkonformistisch, eigensinnig, doch nie weltabgewandt. Er war ein geistesgegenwärtiger Zeitgenosse und wusste doch (im Sinne Papst Benedikts XVI.) um die ‚Weltfremdheit‘ des Glaubens. Er war ein Wegweiser hin zu der engen Tür, vor die wir alle einmal geraten.

Ich weiß nicht, ob der Priester immer Vorbild ist und sein kann; er ist auch kein Athlet des Glaubens, kein geistlicher Spitzensportler, kein Jäger nach Rekorden und Beifall, und die Berufung zum Christen ist mehr als geistlicher Freizeitsport. Der Priester ist auch nur ein Mensch, Fragment, ein stotterndes Zeuge, gefährdet, zerbrechlich, kritikbedürftig; nicht zur Vollendung gereift, er hat Begleitung und Stütze nötig; er weiß nicht Antwort auf alle Lebensfragen;  aber er soll Durchhaltevermögen mitbringen und ein Wegweiser sein; er soll an der engen Tür stehen, nicht um zu blockieren, sondern um einzuladen: Wagt den Schritt, verbringt euer Leben nicht untätig und unschlüssig vor der für euch geöffneten Tür.

Pfarrer Kaiser war einer, der hier stand und Bote war, einer, der Sie neugierig gemacht hat auf die fremde Glaubenswelt, einer, der es verstand, pointiert und mit dem ihm eigenen Frömmigkeitsstil den Kern des Evangeliums auf den Punkt zu bringen. Nideggen war sein letzter Einsatzort. Für viele wurde er in der kurzen Wirkungszeit ein nahbarer Mensch. Für kurze Zeit schrieb er mit an der Geschichte dieser alten Gemeinde und der drei anderen Pfarren.

Viel haben wir von seiner segensreichen Tätigkeit in Krefeld-Uerdingen gehört. Oder auch seine Dienste am Krankenbett in Aachen. […]

Ich habe selten Mitbrüder gerade auch in meiner und seiner Generation erlebt, die eine solche Begeisterung für die Seelsorge zeigten. „Einfach“ Seelsorger sein, Verständnis zu haben für menschliche Lebensläufe, wohlwollend und doch Richtung weisend, manchmal Halt sagend, wenn es so nicht weitergehen kann in Kirche und Welt, unkonventionell und zuweilen Zeichen des Widerspruchs und Diener in der Kirche des Täufers Johannes, der ‚Stimme in der Wüste‘ war.

„Seelsorge heilt den Seelsorger“, sagte Pater Mühlenbrock SJ , der frühere Aachener Spiritual. In Beichte und Eucharistie hat er Menschen vor die „enge Tür“ geführt und ermutigt einzutreten – denn was sind die Sakramente anders als die engen konkreten Türen, die uns in das Geheimnis führen? Und wozu sonst braucht es des Priesters, als Menschen zu ermutigen, diese enge Tür wahrzunehmen und sich zu bemühen, in den Lebensraum zu gelangen, in den diese enge Tür führt? Er war kein Türsteher, der abschreckt und Dienst nach Vorschrift macht, kein unbeteiligter Dienstleister, kein Leisetreter, der um den heißen Kern des Evangeliums herumschleicht wie eine Katze um den heißen Brei. Einer, der uns auch zuweilen beunruhigt und erschüttert und der mir die Anstrengung des Glaubens nicht abnimmt. Dazu braucht es Priester wie Stefan, die mehr sind als reine Verwalter sakramentaler Gegenstände und Rituale. Stefan Kaiser war Pfarrer aus Leidenschaft. Das Evangelium und die Liturgie waren für ihn kein schönes Glasperlenspiel.

Er hat die Liturgie geerdet. Sie war ihm mehr als eine routiniert abzuleistende Zeremonie. Er war auch da präsent, wo die Verlierer waren, die Kranken, die, die um Vergebung baten, die Hausaufgabenhilfe in Krefeld, Impulse für die Bolivienbrücke, die Alten im Christinenstift. Hier konnte er sich einbringen mit der ihm eigenen Leidenschaft, hier hat er versucht, Wurzeln zu fassen, Spuren zu hinterlassen und mit den Gemeinden den Glauben zu feiern und Suchenden beizustehen. Er gehörte zu den Seelsorgern seiner Generation, die das Energische, das Kämpferische, das Ungetrübte des Evangeliums ausgerichtet haben. Darin hat er sich nicht geschont. Es war sein Talent, seine Leidenschaft, gerade in Einzelbegegnungen, in Hausbesuchen, im Beichtgespräch, im katechetischen Einsatz die Schönheit und den Glanz des Glaubens aufleuchten zu lassen, sehr spritzig und geistreich, humorvoll und hintergründig, ohne Denkverbote und ohne die seltsamen sprachlichen Regeln, die unsere Verkündigungssprache oft so blass und seicht und langweilig und zahnlos werden lassen. Er war allergisch, wenn die Botschaft untergeht im Jargon der Betroffenheit, wenn die Kirche an ihrer eigenen Sprache verreckt […].

Und Stefan hat gerne gelebt. Auch in seiner Kirche, auch für seine Kirche, die es ihm nicht leicht gemacht hat. Ist da alles gut und verantwortlich durchdacht und entschieden gewesen, was mit ihm auf seinem beruflichen Lebenslauf geplant worden ist?

Er war ein wundervoller Gastgeber, er war ein gebildeter, belesener Zeitgenosse. Das Evangelium ist nichts Lebensfeindliches und Freudloses. Man muss nicht alles zurücklassen, wenn man sich durch die enge Pforte zwängt. Stefan konnte Kochen und das Essen richtig zelebrieren und wunderbare Tischgespräche führen, lachen, frotzeln, lästern…

Sein Leben gibt vielen von uns Grund zur Dankbarkeit, er hat nachdenklich gemacht und gerade auch die, die sich von Kirche abgewandt hatten, wieder aufhorchen lassen. Er, der der Kirche so von Herzen verbunden hat, hat gerade auch die aufhorchen lassen, die eher abseits stehen, die „Seltengeher“, die Suchenden und Fragenden. In manchen hat er vielleicht polarisiert, als Zeichen des Widerspruchs zu manchem Zeitgeistlichem im Kirchenmilieu, doch sein Rückgrat und seine Widerstandskraft und seine katholische Seele, das war zugleich seine große Kunst zu integrieren.

Er war ein Priester und ein Mensch. Und er würde sagen: mein Leben ist nicht zu idealisieren, nicht zu beschönigen, nicht zu verklären. Doch der Tod dieses Einen, diesen einzigartigen Mitbruders, lässt viele verstört und tieftraurig zurück. Wir können kaum ermessen, was es für einen Seelsorger aus Leidenschaft bedeutet, schweren Herzens dies sein lassen zu müssen und auf sich selbst acht zu geben, auch das therapeutisch zu erwerben, was wir ihm gewünscht hätten: Stabilisierung, Selbstsorge. Wir wünschten, er hat einen heilsamen Raum gehabt, sich selbst anzunehmen. Was hätten wir tun können? Was haben wir versäumt? Was muss sich durch diesen Tod ändern auch in Umgangsformen der Kirche? Behutsame Seelsorge der Kirche an ihren Seelsorgern! Was hätte er anders tun oder lassen können? Das sind Fragen, die man nur andeuten kann, aber die ihm nicht mehr helfen.

Wir stehen auch vor der Lebenstragik dieses Menschen und vieler, denen es so ergeht wie ihm. Und dem, was sein Charisma war, vielleicht auch sein ‚pastoraler Erfolg‘. Und ich frage mich: ist die Pforte, von der Jesus heute spricht, wirklich so eng, dass nicht, sagen wir, zwei nebeneinander gehen können? Was, wenn bestimmte Lebensumstände bewirken, dass einem der Boden unter den Füssen fortgezogen wird.

Wir stehen machtlos vor einer Krankheit, die zunächst harmlos und kaum bemerkt beginnt und sich dann verselbständigt, in der Menschen buchstäblich ertrinken und Niederlagen erleiden. Ertrinken an der eigenen Erlösungsbedürftigkeit, manchmal Überforderung, dem Alleinsein, dem Ungereimten, dem Unerfüllten, der unausgesprochenen Lebensnot, einer Neigung, die ihn aus der Balance brachte und ein Gefälle bekommt, ein Rausch und eine Sucht, die nach unten ziehen. Wer ist gefeit vor den Gefährdungen einer Lebensform, der drohenden sozialen Isolierung, den vergeblichen Versuchen zur Hilfe?

Gott sei Dank hat Stefan  dankbar die Hilfe und Nähe der Menschen angenommen, die es ihm erlaubten, dabei zu sein, aufzuatmen, er fand Stützen und offenen Türen. Wir stehen immer auch vor dem Rätsel eines Menschenlebens. Wie wenig wissen wir von uns selbst, geschweige vom Nächsten, von der eigenen Gefährdung, der Macht der Gewohnheit und der Abhängigkeit, von der eigenen Leere, die man mit Vorläufigem zukippt; von der Einsamkeit, dem Frust und den Niederlagen, dem Heimatverlust, dem Nicht-Verstanden-werden. Man kann in kleinen Fluchten dem zu entkommen versuchen, der Endlichkeit und Einsamkeit davonlaufen, der Erfahrung, in manchen Krankheiten und Schwächen nicht der eigene Herr und hilfsbedürftig zu sein.

Der, der hier gesprochen hat, kann auf Erden nichts mehr sagen. Doch über sein Leben ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Das steht nur Einem zu. Stefan ist auf Worte der Wandlung und des Wunders angewiesen, die aus Jesu Mund kommen, auf seine Einladung, durch die Tür in die himmlischen Wohnungen einzutreten. Er ist nun aufgebrochen auf den schmalen Weg zu Gott hin, eingetreten durch die enge heilige Pforte, die Jesus ist. Wir wünschen ihm, dass er das Leben gewonnen hat (Mk 10,28-31).

Es ist das Schöne, dass wir zu guter Letzt in das Auge des Barmherzigen geraten. Stefan gerät in der Ewigkeit an den, der ihn wirklich erfüllt und sein Leben ins Osterlicht hält und auch das Verborgene mit barmherzigen Augen entdeckt, was keiner von uns von Stefan mitbekam und was doch ewig Bestand hat und bleiben muss. Stefan ohne Christus – das ist nun zu wenig. Ihm ist nun Christus der Allernächste. […]

Pfarrer Stefan Kaiser ruhe in Frieden.

Die Leser dieses Artikels werden um ein stilles Gebetsgedenken gebeten.

Pfarrer Stefan Kaiser RP-Foto, 25. Mai 2009
Pfarrer Stefan Kaiser
RP-Foto, 25. Mai 2009

 

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