Wie Dornen und Gestrüpp, das immer nachwächst

Unsere Neigung, die Schuld der Brüder und Schwestern nicht zu verzeihen, ist tatsächlich wie Dornen und Gestrüpp, das immer nachwächst, aus dem wir uns nicht befreien können ohne Hilfe des Hirten. Wenn wir aufmerksam sind, dann stellen wir fest, dass wir unsere  Zeit  damit  verbringen,  die  Schuld  der  andern  uns  gegenüber zu  sammeln.  Die  andern müssten uns gegenüber sein oder nicht sein, wie wir wollen, dass sie sind oder nicht sind. Sie müssten tun oder nicht tun, was wir wollen, dass sie tun oder nicht tun. Sie müssten sagen,  was  wir  wollen,  dass  sie  sagen  oder  nicht  sagen.  So  haben wir  quasi  ständig das Notizbuch in der Hand und schreiben die Liste der Schuld der andern auf, d.h. alles, was uns zum Klagen über die andern Anlass gibt. Versucht einmal, nur eine halbe Stunde lang darauf  zu  achten,  wie  viele  Schulden  der  andern  wir  in  dieser  kurzen  Zeit  auflisten.

Natürlich ist es oft wahr, dass andere uns dies oder jenes schulden. Für Jesus aber besteht das eigentlich Problem darin, dass diese Neigung uns selbst weh tut, dass wir uns selbst in  diesen  Dornen  verletzen,  in  die  wir  uns  verstricken,  in  denen  wir  unsere  Freiheit  zu lieben  verlieren  und  vor  allem die  Freiheit, uns  vom    Vater  grenzenlos  lieben  zu  lassen. Diese  Neigung  hindert  uns,  Barmherzigkeit  zu  leben,  Barmherzigkeit  zu  empfangen,  in Dankbarkeit  für  das  Übermaß  der  Barmherzigkeit  Gottes,  die  uns  befähigen  würde,  sie unsererseits  ohne  zu  rechnen  zu  verschenken,  indem  wir  alle  die  kleinen  und  großen Schulden der andern vergeben.

Die  Barmherzigkeit  Gottes  ist  wie  ein  riesengroßer Stausee der  göttlichen  Liebe,  der darauf   wartet,   in   alle   Räume unseres   Lebens hineinzufließen,   die   wir   durch   das Vergeben  der  Schuld  unserer  Brüder  und  Schwestern  frei  machen.  Man  wird nur barmherzig wie der Vater, wenn man in jedem Augenblick die wirkliche und angebliche Schuld der andern verzeiht. Gerade das ist die ständige Aufgabe unserer Freiheit, welche Gott    um    Barmherzigkeit    bittet    und    sie    verschenkt,    welche    die    grenzenlose Barmherzigkeit des Vates durch uns hindurchfließen lässt.

Generalabt Mauro-Giuseppe Lepori, OCist
(Kurs für Monastische Ausbildung 2016, 24)

Mauro-Giuseppe Lepori OCist, Generalabt der Zisterzienser
Mauro-Giuseppe Lepori OCist,
Generalabt der Zisterzienser

http://www.ocist.org

 

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