Gottes Ruf in den Orden – lange überlegen oder schnell entscheiden?

Ist es lobenswert, den Weg des Ordenslebens einzuschlagen, ohne sich vorher gründlich beraten zu lassen und ohne dieses Vorhaben lange Zeit hindurch zu überlegen?

Lange Überlegungen und gründliche Beratungen muß man dort anstellen, wo große Zweifel bestehen, wie Aristoteles im dritten Buch der Ethik bemerkt. Dagegen bedürfen unzweifelhafte und klar bestimmte Angelegenheiten keiner Überlegung.

(Thomas von Aquin)

Aus: Greshake, Weismeier. Quellen geistlichen Lebens. Mittelalter. 153ff.
– Thomas von Aquin, Summa Theologica, II/II, 189, 10.

Gottes Ruf und des Menschen unverzügliche Antwort

Das Problem:
Ist es lobenswert, den Weg des Ordenslebens einzuschlagen, ohne sich vorher gründlich beraten zu lassen und ohne dieses Vorhaben lange Zeit hindurch zu überlegen?

Gründe contra und pro

Offenbar nicht! Denn:
1. In 1 Joh 4,1 heißt es: „Traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind.“ Nun ist aber das Vorhaben, in einen Orden einzutreten, nicht immer aus Gott, da es nicht selten durch Austritt wieder zunichte wird. Gemäß Apg 5,39 gilt aber ausdrücklich:
„Stammt dieses Vorhaben von Gott, so könnt ihr es nicht zunichte machen.“ Von daher scheint sich zu ergeben, daß man nur nach ernster vorhergehender Prüfung das Leben nach dem Evangelium beginnen darf.

2. Weiter heißt es in Spr 25,9: „Trage dein Vorhaben deinem Freunde vor.“ Nun ist doch wohl jenes Vorhaben äußerst wichtig, das eine grundsätzliche Umorientierung des Lebens mit sich bringt. Somit scheint man das Ordensleben nicht beginnen zu dürfen, bevor man nicht die Sache seinem Freunde vorgetragen hat.

3. Ferner erzählt der Herr in Lk 14,28 das Gleichnis von jenem Mann, der einen Turm bauen will. Dieser „setzt sich zuvor hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen, damit man ihn nicht verspottet: Der Mann da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen“. In seinem Brief an Laetus schreibt Augustinus, daß die Mittel zum Turmbau „nichts anderes bedeuten, als daß einer alles, was er hat, hergeben muß“. Es gibt nun aber nicht wenige, die dies nicht fertigbringen und auch andere Weisungen eines Lebens nach dem Evangelium nicht erfüllen können. Bildhaft ist darauf in 1 Sam 17,39 hingewiesen, wo es heißt, daß David nicht in der Rüstung des Saul gehen konnte, weil er daran nicht gewöhnt war. Daraus dürfte sich ergeben, daß keiner den Weg des Ordenslebens einschlagen darf, ohne vorher lange Überlegungen anzustellen und den Rat vieler anderer einzuholen.

Dagegen spricht jedoch Mt 4,20, wo es heißt, daß Petrus und Johannes auf den Ruf des Herrn hin „sofort ihre Netze liegen ließen und ihm folgten“. Dazu bemerkt Chrysostomus: „Solchen Gehorsam verlangt Christus von uns, daß wir keinen einzigen Augenblick zögern.“

Beantwortung des Problems

Lange Überlegungen und gründliche Beratungen muß man dort anstellen, wo große Zweifel bestehen, wie Aristoteles im dritten Buch der Ethik bemerkt. Dagegen bedürfen unzweifelhafte und klar bestimmte Angelegenheiten keiner Überlegung.

Was nun das Vorhaben betrifft, ein Leben nach dem Evangelium einzuschlagen, so sind drei verschiedene Gesichtspunkte zu erwägen: Erstens das Vorhaben in sich betrachtet. Von ihm gilt, daß es mit Sicherheit ein ganz hoher Wert ist. Wer hier zweifeln würde, widerspräche seinerseits Christus selbst, der ja dieses Vorhaben eingab. Auf dieser Linie schreibt Augustinus: „Es ruft dich der Sonnenaufgang, nämlich Christus, und du hörst auf den Sonnenuntergang, nämlich auf vergängliche Menschen, die irren können!“

Zweitens kann das Vorhaben hinsichtlich der Kräfte dessen, der diesen Weg einschlagen will, betrachtet werden. Aber auch hier gibt es keinen Grund zum Zweifel. Denn wer das Ordensleben beginnt, vertraut nicht auf das eigene Können und Durchhaltevermögen, sondern auf die Hilfe der Kraft Gottes, wie es in Jes 40,31 heißt: „Die auf den Herrn hoffen, schöpfen neue Kraft. Sie bekommen Flügel wie Adler, sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“
Nur wenn ein außergewöhnliches Hindernis – wie etwa Krankheit, besondere Verpflichtungen oder dgl. – besteht, soll man Überlegungen anstellen und sich mit Leuten beraten, von denen man erwarten kann, daß sie dem Vorhaben gegenüber grundsätzlich positiv und nicht negativ eingestellt sind. Denn – so ruft Jesus Sirach (37,11 f) aus – : „Darf man mit einem Gottlosen über die Heiligkeit und mit einem Ungerechten über die Gerechtigkeit sprechen?“ Mit dieser rhetorischen Frage will er sagen: Nein, keinesfalls! Deshalb fährt er fort: „Achte nie auf solche Menschen, wenn du Rat einholen willst. Geh stets zu einem heiligen Menschen.“ Und im erwähnten Fall [daß es ein außergewöhnliches Hindernis gibt] ist jedenfalls keine lang andauernde Überlegung angezeigt. Und deshalb schreibt auch Hieronymus in seinem Brief an Paulinus: „Bitte, beeile dich. Zerhaue lieber das Seil, welches das Schiff am Ufer festhält, als es umständlich aufzuknoten.“

Drittens ist die konkrete Art und Weise eines Lebens nach dem Evangelium zu erwägen und die Frage zu stellen, welcher Gemeinschaft man beitritt. Darüber kann man sich gleichfalls beratschlagen, und zwar mit Leuten, die nicht von vornherein negativ eingestellt sind.

Antwort auf die anfangs genannten Gegengründe

Zum ersten: Das Wort „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ gilt nur dort, wo Zweifel bestehen, ob der Geist Gottes am Werk ist. So können z . B . Mitglieder einer Ordensgemeinschaft im Zweifel darüber sein, ob einer, der bei ihnen eintreten will, vom Geist Gottes geleitet ist oder nur mit falschen Vorwänden kommt. Deshalb haben sie ihn zu prüfen, ob er vom Geist Gottes bewegt wird. Doch bei dem, der das Leben nach dem Evangelium beginnen will, kann kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, ob in seinem Herzen der Plan, den Weg des Ordenslebens einzuschlagen, vom Geist Gottes stammt, der die Menschen „auf ebenem Pfad leitet“ (Ps 143 [142], 10).
Auch die Tatsache, daß einige wieder austreten, ist kein Gegenbeweis, daß das Vorhaben nicht von Gott herrührte. Denn nicht alles, was von Gott stammt, ist unveränderlich, sonst könnten ja auch – wie die Manichäer meinen – die veränderlichen Geschöpfe nicht von Gott geschaffen sein, oder man könnte die Gnade Gottes nie wieder verlieren – eine Meinung, die dem Glauben widerspricht. Nein, auch da, wo Gott Vergängliches und Veränderliches schafft, ist sein Heilsplan unerschütterlich, wie es in Jes 46,10 heißt: „Mein Plan steht fest, und alles, was ich will, führe ich aus.“
Aus all dem folgt, daß das Vorhaben, nach dem Evangelium zu leben, nicht der Prüfung, ob es von Gott stammt, unterzogen werden muß. Denn wie die „Glosse“ zu 1 Thess 5,21 („Prüfet alles“) bemerkt, „bedarf das, was sicher ist, keiner Diskussion“.

Zum zweiten: Wie nach Gal 5,17 das „Begehren des Fleisches sich gegen den Geist richtet“, so widersetzen sich auch Freunde „dem Fleisch nach“ häufig dem geistlichen Fortschritt, wie schon Micha sagt, „die Feinde des Menschen sind seine eigenen Hausgenossen“ (Mi 7,6). Daher legt auch Cyrill das Wort „zuvor laßt mich von meiner Familie Abschied nehmen“ (Lk 9,61) wie folgt aus: „Das Verlangen nach dem Abschiednehmen zeigt, daß der Betreffende noch irgenwie gespalten ist. Denn das Gespräch mit den Verwandten und der Austausch mit jenen, die nicht auf Gleiches bedacht sind, zeigen, daß man noch irgendwie schwankt und zögert. Deswegen antwortet der Herr auch: ,Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes‘ (62). Zurückblicken – das tut jeder, der Aufschub erbittet, um nach Hause zurückzukehren und sich mit den Verwandten ins Einvernehmen zu setzen.“

Zum dritten: Mit dem Turmbau ist die christliche Vollkommenheit gemeint. Der Verzicht auf allen Besitz ist das Mittel zum Bau. Nun zweifelt oder überlegt doch wohl niemand, ob er die Mittel haben möchte oder ob er den Turm bauen möchte, falls er die Mittel besitzt. Gegenstand von gründlichen Überlegungen ist doch nur die Frage, ob man überhaupt die Mittel hat. Ebenso ist die Frage, ob man auf all seinen Besitz verzichten muß, um zur Vollkommenheit zu gelangen, kein Gegenstand von Überlegungen. Gegenstand gründlichen Nachdenkens ist allein die Frage, ob das eigene Tun wirklich Verzicht auf jeden Besitz beinhaltet. Denn wer nicht wirklich verzichtet (und das meint in unserem Gleichnis die „Mittel zum Turmbau“), kann Jünger Christi nicht sein (nämlich den Turm nicht bauen). Sich jedoch darüber ängstigen, ob man durch ein Leben aus dem Evangelium wohl zur Vollkommenheit [zur Sinnerfüllung des eigenen Lebens] kommt, ist unvernünftig und wird durch viele Beispiele widerlegt. So sagt Augustinus im achten Buch seiner „Bekenntnisse“: „Auf jeder Seite, nach der ich mein Auge gewendet hatte, doch den Weg dorthin zu gehen noch nicht wagte, trat in reiner Würde die Keuschheit hervor, heiter, doch nicht ausgelassen fröhlich, zuchtvoll mich anlockend, daß ich käme ohne Säumen. Sie streckte mir, um mich aufzunehmen und in ihre Arme zu schließen, die Hände entgegen, gefüllt mit Scharen von guten Beispielen. Wie viele Knaben und Mädchen gab es da, wie viel junges Volk und Menschen jeden Alters, die ärmste Witwe und die Jungfrau hoch in Jahren. Und sie lächelte mich mit einem leise vorwurfsvollen Lächeln an, als wollte sie sagen: ,Du sollst es nicht vermögen wie diese Männer, diese Frauen? Ja, Vermögen sie es denn aus sich und nicht vielmehr im Herrn, ihrem Gott? Der hehre Gott hat mich ihnen gegeben. Was stehst du auf dir, und stehts doch nicht? Wirf dich auf ihn! Hab keine Angst; er wird nicht weichen, daß du fällst. Getrost, wirf dich auf ihn. Er fängt dich auf und macht dich heil!‘“

Der Hinweis auf David, der in diesem Zusammenhang gegeben wurde, trifft nicht zu. Denn Sauls Waffen sind, wie die „Glosse“ ausführt, „Zeichen für die Last des Gesetzes“. Das Leben nach dem Evangelium aber ist das „sanfte Joch Christi“, wie auch Gregor d.Gr. im vierten Buch seiner Moralia schreibt: „Was lädt der Herr denn dem Nacken unseres Geistes Schweres auf, wenn er befiehlt, die Begierden, die uns nur durcheinanderbringen, zu meiden, und wenn er uns ermahnt, den beschwerlichen Wegen dieser Welt auszuweichen? Jenen aber, die das sanfte Joch auf sich nehmen, verheißt er göttliche Freude und nie endenden inneren Frieden. Dahin führt uns der, der es verheißen hat: Jesus Christus, unser Herr, der als Gott über allem in Ewigkeit gepriesen ist. Amen.“
s/g

 

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