Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages

(Ausschnitte aus: Bernardin Schellenberger „Gott suchen-sich selbst finden. Erfahrungen mit der Regel Benedikts“. Kapitel: Das Stundengebet)

Insgesamt war unser Lebensrhythmus so gestaltet, dass jeder Tag mitten in der Nacht begann und während eines Großteils des Jahres am hellen Tag endete. Das glich der uralten Vorstellung, die sich bereits auf den ersten Seiten der Bibel, im Schöpfungsbericht, findet, der Tag beginne nicht mit dem Morgen und ende am Abend, sondern umgekehrt: „Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag“ (Gen 1,5). Schon dieser Rhythmus als solcher hatte eine wichtige Bedeutung und vor allem Wirkung. Soweit ich heute sehe, waren es vor allem solche eher auf das Unbewusste als auf den Verstand wirkende Faktoren, die unsere Vorfahren mit sicherem Gespür für ihre Gebetszeiten und sonstigen Bräuche wählten. Das prägte uns spirituell nachhaltig. Diese Gewohnheiten wurden zwar von den Texten und Gesängen interpretiert und gefüllt, aber das Entscheidende spielte sich in tieferen Schichten ab.

Im Vergleich damit ist die heutige, auch auf dem Gebiet von Gebet und Gottesdienst vorwiegende Fixierung auf Gedanken und vernünftige Inhalte geradezu flach und von entsprechend geringer Wirkung. Der Umstand, jahrelang den Tag in der Nacht zu beginnen und im Licht zu beschließen, weckte das Grundempfinden, dass so das Leben, das Schicksal, die Daseinskurve verlaufe: aus der Finsternis ins Licht. Man konnte den Tag früh hergeben und loslassen und sich sozusagen hellsichtig und zuversichtlich dem Schlaf anvertrauen.

Der Lebensrhythmus der heutigen Menschen ist genau umgekehrt und führt folglich auch zu einer umgekehrten Grunderfahrung und -stimmung: das Leben, das Schicksal, die Daseinskurve verlaufe aus dem Licht in die Finsternis, denn man steht zumeist im Hellen auf und endet in der Nacht, und erlebt das so Tag für Tag. Da tut man sich schwer, den Tag loszulassen, dehnt die Nacht möglichst lange aus und kapituliert erst vor dem Schlaf, wenn man todmüde oder fast besinnungslos ist. Ich brauche nicht weiter auszuführen, dass diese beiden archetypisch gegensätzlichen Wahrnehmungen des Lebens entsprechend gegensätzliche, vom Unbewussten her wirkende Auffassungen vom Leben und Lebensgefühle wecken.

(B. Schellenberger. Das Stundengebet)

Siehe: Buchvorstellung

Beachte:

Siehe: Das Stundengebet bei den Trappisten (1/14) – Siebenmal und in der Nacht.
Siehe: Das Stundengebet bei den Trappisten (2/14) – Nacht+Aufstehen+Auferstehen.
Siehe: Das Stundengebet bei den Trappisten (3/14) – Ein Tagesplan.

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10 Kommentare zu „Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages

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