Das Stundengebet bei den Trappisten (5/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (a)

(Ausschnitte aus: Bernardin Schellenberger „Gott suchen-sich selbst finden. Erfahrungen mit der Regel Benedikts“. Kapitel: Das Stundengebet)

Im Schlafsaal war die Handglocke des Glöckners ertönt. Unverzüglich hatte in allen Bretterverschlägen das Rumoren der Aufstehenden begonnen. In der Frühzeit schliefen die Zisterziensermönche gewöhnlich in einem einzigen Schlafsaal, in dem eine Liegestatt frei neben der anderen stand. Die Trappisten hatten im 17. Jhd. Eine Neuerung durchgeführt: Sie hatten die Schlafstellen mit Bretterwänden gegeneinander abgetrennt, d.h. durch unsere Schlafsäle zogen sich einige Zeilen mit einer Schlafkabine neben der anderen. Jede Kabine maß ungefähr 2 mal 2 Meter. Der Eingang war etwa türbreit und von innen mit einem Tuch zugehängt.

Einer um den andern öffnete seinen Vorhang, trat heraus, eilte in den Waschraum. Wir putzten nebeneinander an den Trögen die Zähne, erfrischten uns kurz das Gesicht mit kaltem Wasser, eilten in den Kullenraum und warfen das Chorgewand über. Durch den dunklen Kreuzgang huschten die weißen Kapuzengestalten in Richtung Kirche. In der dichten Stille hörte man nur das Rauschen der Wollgewänder. Das Innere der Kirche war einzig von einem kleinen Licht über dem Eingang beleuchtet, dessen Schein jedoch ausreichte, um die Glasflächen der hohen schwarzen Spitzbogenfenster wie mattgrau versiegelt erscheinen zu lassen.

Binnen weniger Minuten knieten wir nach und nach alle im Chorgestühl auf dem Boden. Der Glöckner stand in seiner Stalle am Seil. Als die Turmuhr halb drei schlug, begann er kräftig am Seil der großen Glocke zu ziehen, die weit über die nächtlichen Wiesen und Wälder hinaus läutete. Alle standen auf. Licht schalteten wir nur so viel ein, dass die Chorbücher erhellt waren; der übrige Kirchenraum blieb dunkel und ruhte wie ein versunkenes Schiff im Meer der Nacht. Oder es konnte einem der Bauch des Walfischs einfallen, in dem Jona geweilt hatte, bis er an Land und ins Licht gespuckt wurde.

Den Eröffnungsteil, die ersten zehn Minuten des Nachtoffiziums, sangen wir auswendig. Der erste Gesang jeder Nacht war ein Rest des so genannten Marianischen Offiziums, einer Verdopplung des Chorgebets im späteren Mittelalter zu Ehren Marias. Inzwischen war das verkürzt auf eine Antiphon mit einem anschließenden Dialogruf und Gebet vor jeder der Horen des eigentlichen Offiziums. Die Wirkung war, dass man sich mit seinem Bemühen um einen lebendigen Glauben immer wieder in die Person, in die Rolle Marias, der Ur-Glaubenden und im Glauben einmalig Fruchtbaren, versetzen konnte. Staunen war die erste Empfindung, die der Text mit seiner besonders meditativ fließenden Melodie weckte: O admirabile commercium…. Das war ein den frühen Kirchenvätern besonders kostbares Thema: „O wunderbarer Tausch: Der Schöpfer des Menschengeschlechts ließ sich herab, unseren Körper anzunehmen und schenkte uns dafür seine Gottheit“ – ein kaum zu überbietender Zuspruch an die noch müden Körper.

Daran schloss sich dreimal der Ruf an: „Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde!“ und wir sangen den dritten Psalm, in dem es heißt: „Ich war im Schlaf, war ganz versunken, jetzt aber bin ich auferstanden, weil mich der Herr neu aufgerichtet hat.“ Es folgte das Invitatorium, ein kurzer „Einladungsgesang“, vor Gottes Angesicht zu treten und ihn zu loben. Wir wiederholten ihn zwischen den Versen des Psalms 94, den einer vortrug; an Sonn- und Feiertagen sangen ihn zwei Vorsänger an einem großen Pult zwischen den Chören mit einer reichen Melodie vor. Aus diesem Psalm ertönte zu Beginn jedes Tages der Ruf: „Heute wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht, wie es das Volk in der Wüste tat!“

Daran schloss sich die einfache, heitere Melodie des ambrosianischen Hymnus Aeterne rerum Conditor an. Die ersten Generationen der Zisterzienser sangen ihn das ganze Jahr hindurch jeden Tag, ohne Rücksicht auf die verschiedenen Festzeiten (wir hatten inzwischen allerdings längst wieder Festhymnen eingefügt). Das warf ihnen übrigens der berühmte Abaelard ausdrücklich vor, der ihre Vereinfachungen in der Liturgie heftig kritisierte. In diesem Hymnus wurde der ewige Schöpfer aller Tage und Nächte angerufen und dafür gelobt, dass er die Zeit mit ständig wechselnden Zyklen versehen habe und sie deshalb nie langweilig werde: temporum das tempora, ut alleves fastidium. Das neunstrophige Lied beschwor Bilder vom Morgenstern, vom Schiffer auf dem nächtlichen Meer, von schleichenden Dieben und vom krähenden Hahn, der den Petrus erschütterte. Es endete mit den Bitten: „Erleuchte du als Lichtblitz unsere Sinne. Den Schlummer unseres Geistes zerschlage. Dann töne unsere Stimme als erstes vor dir!“ – Tu lux refulge sensibus, mentisque somnum discute. Te nostra vox primum sonet.

(B. Schellenberger. Das Stundengebet)

Siehe: Buchvorstellung

Beachte:
– Das Stundengebet bei den Trappisten (1/14) – Siebenmal und in der Nacht.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (2/14) – Nacht+Aufstehen+Auferstehen.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (3/14) – Ein Tagesplan.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages

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9 Kommentare zu „Das Stundengebet bei den Trappisten (5/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (a)

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