Das Stundengebet bei den Trappisten (7/14) – Laudes

(Ausschnitte aus: Bernardin Schellenberger „Gott suchen-sich selbst finden. Erfahrungen mit der Regel Benedikts“. Kapitel: Das Stundengebet)

Zu Beginn der Laudes sangen wir zunächst zwei Psalmen auswendig. Der erste, Psalm 66, ist mir so wichtig geworden, dass ich ihn bis heute immer gleich nach dem Aufstehen spreche, in der mir in Fleisch und Blut eingegangenen lateinischen Fassung. Darin wurde das Erlebnis, wie die Sonne über dem Horizont aufgeht, mit dem Bild verknüpft, dass Gott sein Gesicht über uns aufleuchten lasse: „Gott habe Erbarmen mit uns und segne uns: Er lasse sein Gesicht über uns aufleuchten und habe Erbarmen mit uns.“ Der folgende Vers enthält das spirituelle Tagesprogramm, das letztlich zählt: „Damit wir auf der Erde deinen Weg erkennen, auf dein heilsames Wirken unter allen Völkern achten.“

Im anschließend gebeteten Psalm 50 sprachen mich immer besonders die Verse an, die vom Geist handeln, der für den beginnenden Tag die richtige Inspiration gibt. Der lateinische Text lässt sich buchstäblich so übersetzen: „Ein lauteres, empfängliches Herz erschaffe mir, Gott. Lass mir deinen neuen, geraden Geist bis in die Knochen (wörtlich: „bis ins Gedärm“) fahren. Wirf den Lichtschein deines Gesichts nicht von mir weg. Entzieh mir nicht deinen heiligen Geist. Gib mir die Freude deines Heils. Stärke mir den Rücken mit deinem fürstlichen Geist“ (12ff.). Auf diese beiden immer gleichen Psalmen folgten täglich zwei andere. Der heilige Benedikt hatte für jeden der sechs Werktage zwei Psalmen mit Variationen über das Thema „Kampf zwischen Finsternis und Licht“ ausgewählt.

Daran schloss sich ein Canticum, ein „Lobgesang“ aus dem Alten Testament an, und schließlich sangen wir täglich die drei letzten Psalmen des Psalters, 148 bis 150, die wir auswendig konnten. Dadurch hatten wir den Blick dafür frei, dass inzwischen zum Ostfenster über dem Altar das Licht der Morgensonne hereinflutete. Mit diesen drei Psalmen, den Laudate- Psalmen, von denen die Laudes, die „Lobpreisungen“, ihren Namen haben, setzten wir die ganze Schöpfung dem Bad im Licht der Sonne aus. Alles wurde im Text aufgeführt: Engel, Sonne, Mond, Sterne, Urwasser und Abgründe, Drachen, Feuer, Hagel, Schnee und Eis und Sturm, Berge, Bäume, wilde und zahme Tiere, Schlangen, Vögel, Burschen, Mädchen, Alte, Junge.

Natürlich schildere ich hier die idealen äußeren Umstände, die je nach Jahreszeit und Wetter nicht immer so beschaffen waren. Aber öfter konnten wir die Laudes tatsächlich so erleben. Im Sommer 1970 hielt ich einmal schriftlich fest:
„Wenn das warme, rotgoldene Licht die Scheiben der hohen Fenster kristallen funkeln lässt und in weichen Fluten in den Chorraum strömt, sind wir in unseren weißen Gewändern wie in Licht gekleidet – der Wollstoff saugt es förmlich auf –, und wir werfen uns die Verse zwischen den Chören hin und her: Lobt Gott in seinem Heiligtum, lobt ihn in seiner himmlischen Feste! Es ist, als wolle der Jubel durch die Scheiben nach draußen schallen, hinaus in den strahlenden Morgen, und die Schöpfung müsse zu tanzen beginnen: all ihr Berge und Hügel der Eifel, ihr früchtetragenden Bäume und all ihr Kastanien und Linden, ihr Tiere drüben im Wald, im Schützeroth und auf der Rodung, ihr Kühe ums Haus und du Jungvieh im Bellebach- und im Rosental: alles, was Odem hat, lobe den Herrn!“

Der ambrosianische Hymnus führte das Thema wieder in neun Strophen weiter, besang den Auferstandenen als „Abglanz von der Lichtwucht des Vaters, der uns Licht vom Licht reicht“, und als „Tag, der unsern Tag erhellt“ – Splendor paternae gloriae, de luce lucem proferens, lux lucis et fons luminis, diem dies illuminans. Die Glut dieser Sonne möge den Glauben aufheizen, hieß es darin weiter, damit wir in vollen Zügen die „nüchterne Trunkenheit des Gottesgeistes“ genössen, laeti bibamus sobriam ebrietatem spiritus. Während wir im anschließenden Gesang des „Benedictus“ (Lk 1,68–79) noch einmal vom oriens ex alto, dem „von oben her aufgehenden Licht“ sangen, das alle erleuchte, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, um ihre Füße auf den Weg des Friedens zu lenken, ging der Glöckner hinaus, um den Konversbrüdern6 im Arbeitsraum das Zeichen zu geben, dass sie in die Kirche kommen sollten. Die braunen Gestalten füllten leise das Schiff hinter dem Chorraum.

Nach Abschluss der Laudes läutete der Glöckner zum Gebet des „Engel des Herrn“, das die ganze in der Kirche versammelte Gemeinschaft schweigend zu Boden geworfen verrichtete. Die Priester feierten hierauf an den vielen Altären die Messe und die Konversbrüder dienten ihnen dabei.

(B. Schellenberger. Das Stundengebet)

Siehe: Buchvorstellung

Beachte:
– Das Stundengebet bei den Trappisten (1/14) – Siebenmal und in der Nacht.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (2/14) – Nacht+Aufstehen+Auferstehen.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (3/14) – Ein Tagesplan.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages
– Das Stundengebet bei den Trappisten (5/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (a)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (6/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (b)

 

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7 Kommentare zu „Das Stundengebet bei den Trappisten (7/14) – Laudes

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