Das Stundengebet bei den Trappisten (8/14) – Die Morgenzeit

(Ausschnitte aus: Bernardin Schellenberger „Gott suchen-sich selbst finden. Erfahrungen mit der Regel Benedikts“. Kapitel: Das Stundengebet)

Auf die langen Nacht- und Morgenfeiern in der Kirche folgten rund zwei Stunden des „Großen Stillschweigens“, in denen wir ganz ungestört lesen, meditieren oder beten konnten. Wie lange diese Zeit genau war, hing vom Charakter der einzelnen Tage ab. An ganz gewöhnlichen Werktagen dauerte sie am längsten, gute zwei Stunden, an den vielen kleineren oder größeren Festen jeweils entsprechend kürzer. Das war ein sehr kostbarer Abschnitt des Tages; noch heute gilt der frühe Morgen allgemein als fruchtbarste Zeit für das Meditieren: Der Geist ist – anders als am Abend – noch nicht von den vielen Bildern des Tages erfüllt und erschöpft. Wir hatten uns in den nächtlichen Vigilien und Laudes ausschließlich mit Bildern der Bibel und unserer Glaubenswelt vollgesogen und konnten sie nachwirken lassen, gemäß dem Psalmvers 62,7: „in den Morgenstunden will ich in dir, Gott, meditierend (wörtlich: murmelnd) weilen“ – in matutinis meditabor in te.

Vor allem im Sommer zog es mich in dieser Morgenzeit öfter in den Garten. Es war ein erfrischendes Erlebnis, sich irgendwo still hinzusetzen und das Erwachen des Tages zu erleben: wie die Vögel allmählich zu singen begannen, sich das Licht der aufgehenden Sonne über den Himmel herauftastete und an den Wolken seine Farbkünste erprobte, durch das kristallklare Morgengrau und dann -blau ein sanfter Wind wehte, oder wie am Horizont wuchtige Wolkenschiffe aufgefahren wurden und herzusegeln begannen.

Mit der entsprechenden Wachheit kann man in solchen Zeiten in einem einzigen Grashalm, auf dem ein Tautropfen glitzert, das Paradies entdecken. Ist man dagegen stumpf oder in sich befangen, so kann einem ein einziger innerer Grashalm den Blick auf das Paradies ganz verstellen.

Einschub:
[Die Gemeinschaft eines Zisterzienserklosters bestand aus zwei verschiedenen Gruppen: den Chormönchen und den Laienbrüdern; die letzteren wurden „Konversbrüder“ genannt. Der Begriff ist abgeleitet vom lateinischen Wort conversio für „Bekehrung“: vom Weltleben bekehrte Brüder. Um ganz von ihrer eigenen Arbeit leben zu können, hatten die Zisterzienser den Stand der Konversbrüder eingeführt, die gewöhnlich nicht das Latein beherrschten und nicht zum Chordienst verpflichtet waren, sondern nur an wenigen Gebetszeiten in der Kirche teilnahmen, und folglich mehr Zeit der praktischen Arbeit widmen konnten. Chormönche und Konversbrüder unterschieden sich durch die Farbe ihrer Kleidung: für die Chormönche bestand sie aus der Wolle weißer, für die Konversbrüder aus der Wolle brauner Schafe. Die Konversbrüder waren kein zweitrangiger Stand. Allgemein galten sie bei uns als die „kontemplativeren“ Mitglieder der Gemeinschaft; vielen gelang es, Arbeit und Gebet auf eindrucksvolle Weise zu einer Einheit zu verschmelzen.]

(B. Schellenberger. Das Stundengebet)

Siehe: Buchvorstellung

Beachte:
– Das Stundengebet bei den Trappisten (1/14) – Siebenmal und in der Nacht.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (2/14) – Nacht+Aufstehen+Auferstehen.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (3/14) – Ein Tagesplan.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages
– Das Stundengebet bei den Trappisten (5/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (a)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (6/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (b)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (7/14) – Laudes

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6 Kommentare zu „Das Stundengebet bei den Trappisten (8/14) – Die Morgenzeit

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