Das Stundengebet bei den Trappisten (11/14) – Die Sext

(Ausschnitte aus: Bernardin Schellenberger „Gott suchen-sich selbst finden. Erfahrungen mit der Regel Benedikts“. Kapitel: Das Stundengebet)

Auch die Tagzeit der Sext um 11.15 Uhr, nach zwei Stunden Arbeit, war mit dem Bild vom Feuer verbunden; aber sein Charakter war jetzt anders.
Im Hymnus wurde der Unterschied angedeutet: „Morgens leuchtest du hell strahlend, mittags brennend“ – splendore mane illuminas et ignibus meridiem, und noch deutlicher in der 2. Strophe: „Lösch alles Streites Flammen aus, nimm Hitze, die uns schädlich ist“ – exstingue flammas litium, aufer calorem noxium. Die Sonne strahlte jetzt geradewegs von Süden her in die Kirche herein. Die Sext war die hellste Hore. Das Licht war nicht nur angenehm, sondern leuchtete auch am unbarmherzigsten alles aus. Wir waren schon neun Stunden auf den Beinen. Müdigkeit, Gereiztheit, Verdrossenheit konnten sich einstellen. Ausgerechnet in der hellsten Stunde kann es einem am dunkelsten werden. „Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein“, steht bei Markus (15,33). Der „Mittagsdämon“ ging um, von dem im Psalm 90,6 die Rede ist (in der Einheitsübersetzung ist er verschwunden; schon Luther hat eine „Seuche“ daraus gemacht).

Dieser Moment wird in der Mönchsliteratur seit der Zeit der Wüstenväter ausführlich erörtert. Sie nannten diesen Zustand acedia, eine Art depressiver Mattigkeit. Keinem zur Stunde der Terz inspirierten und losstürmenden Idealismus bleibt die Erfahrung erspart, an den Realitäten des Lebens gebrochen zu werden wie eine Welle am Strand. Was man meinte, im Handstreich mühelos erobern zu können, muss man in unzähligen geduldigen Anläufen erringen: Das ist das Thema der Sext. Die kurze Bibellesung war immer die gleiche, weil sie immer aktuell blieb: „Einer trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2). Einige Verse weiter steht im Galaterbrief: „Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun. Denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist“ (6,9). Ein Trost war immerhin die Aussicht, dass es anschließend Mittagessen gab und die Möglichkeit einer kurzen Mittagsruhe.

(B. Schellenberger. Das Stundengebet)

DOMINICA AD SEXTAM
Am Sonntag zur Sext
MARIAWALDER MESSBUCH

Siehe: Buchvorstellung

Beachte:
– Das Stundengebet bei den Trappisten (1/14) – Siebenmal und in der Nacht.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (2/14) – Nacht+Aufstehen+Auferstehen.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (3/14) – Ein Tagesplan.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages
– Das Stundengebet bei den Trappisten (5/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (a)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (6/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (b)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (7/14) – Laudes
– Das Stundengebet bei den Trappisten (8/14) – Die Morgenzeit
– Das Stundengebet bei den Trappisten (9/14) – Die Prim
– Das Stundengebet bei den Trappisten (10/14) – Die Terz

 

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4 Kommentare zu „Das Stundengebet bei den Trappisten (11/14) – Die Sext

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