Das Stundengebet bei den Trappisten (13/14) – Die Vesper

(Ausschnitte aus: Bernardin Schellenberger „Gott suchen-sich selbst finden. Erfahrungen mit der Regel Benedikts“. Kapitel: Das Stundengebet)

Zur Vesper flutete an sonnigen Tagen das rotgoldene Licht der Sonne durch das hohe Westfenster in den rückwärtigen Teil der Kirche und floss bis zu uns in den Chor nach vorn. Es wirkte ferner als das Morgenlicht, das uns durch die nahen Fenster der Apsis direkt angestrahlt hatte.

Wir hatten vorwiegend im Freien gearbeitet, im Wald oder auf den Feldern. Vor einer Viertelstunde waren wir hereingekommen, hatten uns kurz mit kaltem Wasser gewaschen, uns umgezogen und waren in die Kirche geeilt, nicht eigentlich erschöpft von der Arbeit – ganz anders als zur Zeit der Sext –, sondern eher aufgeräumt und zufrieden. So hatte die Vesper immer einen leicht festlichen Grundzug. Sie begann nicht mit dem Hymnus, sondern sofort mit ihren vier Psalmen; das waren für jeden Tag tatsächlich besonders festliche Psalmen.

Wer eine Zeit lang wenigstens die Sonntagsvesper regelmäßig lateinisch gesungen hat, dem werden für immer die Worte der ersten Antiphon und des ersten Psalms, des 109., ins Gedächtnis geprägt bleiben: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten“ – Dixit Dominus Domino meo: Sede a dextris meis.

Ganz unabhängig vom Textzusammenhang wirkten diese Bilder vom majestätischen Sprechen und Sitzen staunenswert nachhaltig. Der christliche Glaube und folglich das Mönchsleben ist ein Sprachereignis, lebt von der Anrede und Rede, vom Wort. Darum sangen wir täglich fünf, sechs Stunden das Wort in allen seinen Variationen. Die Verheißung aber, das Ziel dieses Glaubens ist, sofern man dem Ruf dieses Wortes, diesem Sprechen folgt, das Ankommen, das definitive Sitzen zur Rechten.

Nicht nur die Sonntagsvesper, jede Vesper hatte etwas von diesem Ankommen und Sitzen. Vor allem im Winterhymnus Deus Creator omnium wurde dieses Thema besungen. Er sprüht von prägnanten Formulierungen, die leider nur im Latein voll verkostet werden können. Ich möchte trotzdem einige vorstellen und auch Nichtlateinern zu schmecken geben. Zum wörtlichen Übersetzen bin ich auf Prosa angewiesen, die leider nicht den Klang der Poesie wiedergibt. Sofort in der Eingangsstrophe wurde wieder das Licht-Thema angeschlagen: Wir priesen den Schöpfer, dass er den Tag in immer neuen Lichtschmuck kleide, vestiens diem decoro lumine, und die Nacht geschaffen habe mit ihrer Gnade, ganz tief schlafen zu können, noctem soporis gratia.

Vom Arbeitsschluss und der Entspannung war in der 2. Strophe die Rede:

Artus solutos ut quies
Reddat laboris usui
Mentesque fessas allevet
Luctusque solvat anxios.

„Ruhe löse die Glieder, stärke sie neu für die Arbeit,
richte die ermatteten Geister auf und löse alle angstvolle Trauer.“

In den folgenden Strophen fanden sich Bitten wie: „Der tiefste Grund unseres Herzens singe dir zu, unsere Stimme schmettere dir Lieder“ – Te cordis ima concinant, te vox canora concrepet, und „die höchsten Gipfel unseres Herzens mögen“, während wir schlafen, „im Traum dich erreichen“ – te cordis alta somnient.

Im Sommer, zur Zeit intensiver Arbeit, waren die Texte etwas prosaischer und nahmen Rücksicht auf unsere Beanspruchung durch Irdisches. Da wurde uns täglich in der Lesung zugerufen, Gott sei der „Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis“ (2 Kor 1,3–4), und im entsprechenden Sommer-Hymnus, mit dem wir Gott als „besten Schöpfer des Lichts“, als lucis creator optime anriefen, baten wir, er möge unseren Geist davor bewahren, nur „Nicht-Ewiges zu denken“, sondern uns inspirieren, damit unser Innerstes im Takt der himmlischen Sphären pulsiere, coelorum pulset intimum.

(B. Schellenberger. Das Stundengebet)

Siehe: Buchvorstellung

Beachte:
– Das Stundengebet bei den Trappisten (1/14) – Siebenmal und in der Nacht.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (2/14) – Nacht+Aufstehen+Auferstehen.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (3/14) – Ein Tagesplan.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages
– Das Stundengebet bei den Trappisten (5/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (a)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (6/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (b)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (7/14) – Laudes
– Das Stundengebet bei den Trappisten (8/14) – Die Morgenzeit
– Das Stundengebet bei den Trappisten (9/14) – Die Prim
– Das Stundengebet bei den Trappisten (10/14) – Die Terz
– Das Stundengebet bei den Trappisten (11/14) – Die Sext
– Das Stundengebet bei den Trappisten (12/14) – Die Non

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Ein Kommentar zu „Das Stundengebet bei den Trappisten (13/14) – Die Vesper

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