Das Stundengebet bei den Trappisten (14/14) – Komplet. Die Nacht beginnt.

(Ausschnitte aus: Bernardin Schellenberger „Gott suchen-sich selbst finden. Erfahrungen mit der Regel Benedikts“. Kapitel: Das Stundengebet)

Nach dem kurzen Abendessen und einer halben oder dreiviertel Stunde freier Zeit kamen wir um 18.15 Uhr für eine Viertelstunde im Kapitelsaal zur so genannten Kompletlesung zusammen. Dort wurde ein Text als spiritueller Impuls zum Tagesabschluss vorgelesen oder der Abt formulierte selbst einen solchen oder gab noch irgendetwas bekannt.

Von dort aus zogen wir um 18.30 Uhr ein letztes Mal in die Kirche. Die dortige Tagzeit-Feier der Komplet führte das Thema „Schlaf“ aus der Vesper weiter – und auch das Thema „Mystik“. Die im höchsten Maß mystische Feier war trotzdem für mein Empfinden die Vesper, weil in ihr die Vollendung mit der Klarheit des Geistes einherging – „Den Geist lass nicht entschlummern“, hieß eine Stelle im dortigen Hymnus, und weil dort das Herz, gemäß der Hoheliedstelle: „Ich schlief, doch mein Herz war wach“ (5,2), als wach und aktiv vorgestellt wurde: in seiner tiefsten Tiefe singend, auf seiner höchsten Höhe Gott träumend.

Die Komplet musste jeder ganz auswendig können. Da wir sie früh am Abend hielten, sangen wir sie monatelang im Hellen, ja um Mitte Juni sogar einige Zeit im hell hereinflutenden Abendlicht. Es gab aber auch Zeiten, wo zu Beginn die Dämmerung schon vorgeschritten war und, weil während der Komplet grundsätzlich kein Licht brannte, gegen Ende die andere Chorseite nicht mehr zu sehen war und wir einander durch die Nacht die Psalmverse zusangen.

Von ungefähr Mitte November bis Mitte Januar brannte das kleine Licht über dem Eingang, bis alle ihre Plätze gefunden hatten; dann wurde es gelöscht und wir fingen in schwarzer Nacht unsere Loslass-Übung in die mystische Nacht der Sinne und des Geistes an. Die bei der geringsten Innenbeleuchtung fahl und stumpf wirkenden die Scheiben der hohen Fenster glänzten in einer zauberhaften schwarzen oder grauen, kristallklaren Transparenz. Manchmal schienen vom Mond beleuchtete Wolken schwach herein. Da gefiel mir die Komplet am besten.

Jetzt wirkten die Bilder der drei Psalmen am stärksten, etwa aus Psalm 3: „Getreide, Wein und Öl haben wir in Fülle empfangen. So kann ich jetzt in Frieden einschlafen und ruhen. Denn mit einer einzigartigen Hoffnung hast du, Herr, mich ausgerüstet.“ Oder aus Psalm 90: „Du brauchst vor keinem nächtlichen Schrecken – a timore nocturno – Angst zu haben, auch nicht vor Machenschaften, die im Finstern laufen – a negotio perambulante in tenebris. Denn seinen Engeln hat Gott dich anvertraut, dass sie dich auf allen deinen Wegen behüten. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit du nicht versehentlich mit deinem Fuß an einen Stein hinstößt.“ Was wir da Tag für Tag bewegten, aufsogen, von uns gaben, einander zusangen, waren nicht Gesänge nur für eine Nacht, sondern zugleich Prophetien, Vor-Erfahrungen für die letzte Nacht, denn der Psalm endete ausdrücklich mit dem Ausblick: „Mit einer Länge über alle Tage hinaus werde ich dich erfüllen und mein Heil dich schauen lassen.“

Die frühen Zisterzienser hatten nach den Psalmen einen siebenstrophigen Hymnus gesungen, der bei uns inzwischen durch den kurzen, in der römischen Liturgie üblichen Te lucis ante terminum ersetzt war. Er hatte mit der Anrufung begonnen: „Christus, du bist Licht und Tag, deckst die Finsternisse jeder Nacht auf“ – Christe, qui lux es et dies, noctis tenebras detegis, und die im Lateinischen viel markanter klingenden Bitten enthalten: Sit nobis in te requies, „in dir sei unsere Ruhe“, oculi somnium capiant, cor ad te semper vigilet, „unsere Augen mögen den Schlaf einfangen, das Herz dagegen bleibe immer zu dir hin wach.“

Bereits gegen Ende des letzten Psalms hatte sich derweil der Dienst habende Kirchendiener nach vorn in den Altarraum getastet und die beiden Altarkerzen und das Licht in der Ampel vor der Marienstatue angezündet. Waren der Hymnus, die Bibeltexte und die Schlussgebete der Komplet gesungen, so stellten sich alle außerhalb ihrer Stallen in Richtung dieses Marienbildes und der Kantor stimmte mit einem jubelnden Melisma den Minnegesang des zisterziensischen Salve Regina an Maria an, in dessen wogende Melodie der ganze Chor einfiel. Es ist eine der kostbarsten Perlen aus dem Erbe unserer Zisterzienser-Troubadoure. Der Gesang endete mit der Bitte: „Und nach diesem Exil zeige uns Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes, o gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!“

(B. Schellenberger. Das Stundengebet)

Singulis Diebus ad COMPLETORIUM
An den einzelnen Tagen zur Komplet
MARIAWALDER MESSBUCH

salve_chambarandSALVE REGINA

Siehe: Buchvorstellung

Beachte:
– Das Stundengebet bei den Trappisten (1/14) – Siebenmal und in der Nacht.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (2/14) – Nacht+Aufstehen+Auferstehen.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (3/14) – Ein Tagesplan.
– Das Stundengebet bei den Trappisten (4/14) – Mitten in der Nacht ist der Anfang des Tages
– Das Stundengebet bei den Trappisten (5/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (a)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (6/14) – Die Vigilien, das Nachtoffizium (b)
– Das Stundengebet bei den Trappisten (7/14) – Laudes
– Das Stundengebet bei den Trappisten (8/14) – Die Morgenzeit
– Das Stundengebet bei den Trappisten (9/14) – Die Prim
– Das Stundengebet bei den Trappisten (10/14) – Die Terz
– Das Stundengebet bei den Trappisten (11/14) – Die Sext
– Das Stundengebet bei den Trappisten (12/14) – Die Non
– Das Stundengebet bei den Trappisten (13/14) – Die Vesper

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Ein Kommentar zu „Das Stundengebet bei den Trappisten (14/14) – Komplet. Die Nacht beginnt.

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