Die Bedeutung der Verehrung des heiligen Joseph (12/19)

Im 19. Jahrhundert erklären Provinzialsynoden einiger Länder, dem heiligen Joseph komme ein Vorrang zu vor allen anderen Heiligen, ja, sogar vor den Engeln und Erzengeln. Auf dem I. Vatikanischen Konzil legen 38 Kardinäle und 256 Bischöfe eine Petition vor mit der Bitte, dem heiligen Joseph in einer lehramtlichen Entscheidung den ersten Platz nach der Gottesmutter zuzuerkennen. Die Petition verschwindet jedoch, als im Jahre 1870 das Konzil, bedingt durch die politischen Verhältnisse, abgebrochen wird, in den Archiven92.

Die wachsende Begeisterung für den heiligen Joseph führte in der Geschichte zuweilen zu Spekulationen, die den Rahmen der gesunden Lehre sprengten. Im Übereifer für die kultische Verehrung des Heiligen kam es gelegentlich zu Übertreibungen, wenn man den Heiligen allzu sehr in Analogie zu Maria verstand und meinte, man könne die einzelnen Prärogativen der Gottesmutter einfach auf den heiligen Joseph übertragen, etwa die Heiligung Mariens vor der Geburt in der Gestalt der unbefleckten Empfängnis oder auch ihre leibliche Aufnahme in den Himmel. Da musste wiederholt das Lehramt der Kirche eingreifen93. Es ist bezeichnend, wenn im Jahre 1868 ein Gebet zum heiligen Joseph verurteilt wurde, das dem Ave Maria allzusehr nachgebildet war94.

In neuester Zeit hat sich Josemaría Escrivá de Balaguer (+1975), der Gründer des Opus Dei – im Jahre 1992 wurde er seliggesprochen -, im Anschluss an Theresa von Avila (+1582) und Franz von Sales (+1622) nachdrücklich für die Verehrung des heiligen Joseph eingesetzt und dem heiligen Joseph eine einzigartige Stellung innerhalb der Gemeinschaft der Heiligen des Himmels zuerkannt. Von Theresa von Avila hat er gelernt, den heiligen Joseph als seinen „Vater und Herrn“ zu bezeichnen95 und in ihm den Lehrmeister des inneren Lebens zu erkennen96. Escrivá de Balaguer betont nachdrücklich, der heilige Joseph sei nach Maria das vollkommenste Geschöpf Gottes97. Er verbindet die Josephsverehrung eng mit der eucharistischen Frömmigkeit. Gern zitiert er das Alte Testament: „Ite ad Joseph“ (Gen 41,55) und fügt hinzu: Wenn ihr zu Joseph geht, werdet ihr Jesus finden und Maria98, man kann dem Herrn und seiner Mutter nicht vertraulich begegnen, ohne mit dem heiligen Joseph vertraut zu sein99. Escrivá de Balaguer hat nicht nur über die Verehrung des heiligen Joseph gesprochen, er hat sie auch gelebt. Persönlich war er von einer außergewöhnlichen Liebe zum heiligen Joseph bestimmt, die im Laufe der Jahre immer stärker manifest wurde. Diese seine Liebe hat er seinen geistlichen Söhnen und Töchtern gleichsam als sein Vermächtnis anvertraut100.

Escrivá de Balaguer artikuliert mit seinem Programm eine Glaubensüberzeugung, die ganz in der Tradition der Kirche steht, speziell der neueren: Ist der heilige Joseph nach Maria das vollkommenste Geschöpf Gottes, so kommt ihm eine vorrangige Verehrung zu. Die gegenwärtige Glaubenspraxis der Kirche geht jedoch weithin andere Wege. Es ist indessen nicht zu verkennen, dass sich die Kirche von Grund auf regenerieren könnte, wenn sie sich auf die überkommene Verehrung des heiligen Joseph besinnen würde.

92-Ebd., 36.
93-Indiziert wurden im 20. Jahrhundert beispielsweise die Schriften „J. M. D. Corbato, El immaculado S. José“ aus dem Jahre 1907 und „R. Petrone, Paternità di San Guiseppe“ aus dem Jahre 1928.
94-Henri Rondet (Anm. 40), 35 f. 39.
95-Sie schreibt: “Und in der Tat, ich habe klar erkannt, dass dieser mein Vater und Herr es gewesen, der mich sowohl in meiner damaligen Not als auch aus anderen noch grösseren Nöten, die meine Ehre und das Heil meiner Seele betrafen, gerettet und mir sogar mehr noch verschafft hat, als ich zu bitten gewusst” (Das Leben der heiligen Theresia von Jesu [Anm. 79], 66).
96-Josemaría Escrivá de Balaguer, Der Weg, Köln 91980, Nr. 561; Josemaría Escrivá de Balaguer, Christus begegnen. Homilien, Köln 51978, 111.
97-Salvador Bernal, Msgr. Josemaria Escrivá de Balaguer. Aufzeichnungen über den Gründer des Opus Dei, Köln 1978, 86.
98-Josemaría Escrivá de Balaguer, Christus begegnen. Homilien, Köln 51978, 134 f.
99-Laurentino Maria Herrán, San José en la vida y enseñanza del beato Josemaría, Madrid 1994, 37 f.
100-Salvador Bernal (Anm. 97), 86.

(Joseph Schumacher: Die Bedeutung der Verehrung des heiligen Joseph im Kontext der Heiligenverehrung der Kirche)

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