Die Bedeutung der Verehrung des heiligen Joseph (19/19)

Schweigen und Beten prägen das Leben des Gerechten von Nazareth, sein Schweigen ist der Hintergrund seines Betens, es ist der sprechende Ausdruck seines inneren Lebens. Beten kann nur der, der auch zu schweigen versteht und der gelernt hat, im Schweigen zu hören. Es ist bezeichnend, dass uns die Evangelium kein einziges Wort aus dem Munde des heiligen Joseph überliefern. Der heilige Joseph schweigt aus Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes in unerschütterlichem Vertrauen. In seinem Schweigen bezeugt er die Unbegreiflichkeit Gottes und die Unbegreiflichkeit seiner Verfügungen134. Daraus erwuchsen ihm seelische Stärke und Weisheit. In seiner Weisheit versteht er zu unterscheiden. Viermal ist von ihm in den Evangelien die Rede und jedesmal geht es um die „discretio“, um die „discretio spirituum“, um die Unterscheidung der Geister.

Der Gerechte hat die Arbeit geheiligt, die ein entscheidendes Element der „conditio humana“ ist. Damit wird aufs Neue die fundamentale Bedeutung des heiligen Joseph deutlich, sofern er den Chor der „Ecclesia triumphans“ anführt. Johannes Paul II. betont, der heilige Joseph habe die menschliche Arbeit dem Geheimnis der Erlösung nähergebracht, weil er sein Werk zusammen mit Jesus vollbracht habe135, so sei die Arbeit zu einem Werkzeug der Erlösung geworden136. Der heilige Joseph wird endlich als der Heilige eines guten Todes verehrt. Was ist bedeutsamer für unser Leben als ein guter Tod? Von ihm hängt letztlich die ganze Ewigkeit ab. John Henry Newman (+1890) erklärt in einer Predigt: „Es wird fürwahr beseligend sein, wenn Jesus, Joseph und Maria dann bei euch sind und bereitstehen“. Und er fährt fort: „Sind sie gegenwärtig, dann ist alles da: Engel sind da, die Heiligen sind da, der Himmel ist da, der Himmel hat bereits in euch begonnen, und der Teufel hat keinen Anteil an euch“137. An anderer Stelle bemerkt er, wiederum in einer Predigt: “ … und wenn er (der heilige Joseph) der Heilige eines guten Todes ist, so deshalb, weil er in den Armen Jesu und Mariens starb”138. Gerade unter diesem Aspekt hat Newman den heiligen Joseph mit großer Innigkeit verehrt, zu Recht139.

Wenn, wie Leo XIII. in der Enzyklika „Quamquam pluries“ vom 15. August 1889 feststellt, kein Heiliger der einzigartigen Würde der Gottesmutter so nahe kommt wie der heilige Joseph140, dann überragt dieser nächst der Mutter Jesu alle Heiligen in der Geschichte der Offenbarung und in der Geschichte der Kirche, dann ist die Josephsverehrung zwar der Marienverehrung nachgeordnet, aber der Verehrung aller anderen Heiligen der Kirche vorgeordnet.

Solche Zusammenhänge muss der Heiligenkult der Kirche berücksichtigen. Seine Wirklichkeit muss immer wieder an der Norm des Glaubens der Kirche gemessen werden und von daher die entsprechende Korrektur erfahren. Der „cultus duliae“, der dem „cultus latriae“ zur Seite tritt in der Kirche, ergänzend und konkretisierend, freilich in einer fundamentalen qualitativen Differenz, ist demgemäß strukturiert, idealiter, durch den „cultus hyperduliae“, der der zweiten Eva, der Mutter der Kirche, der Königin aller Heiligen, zukommt, und durch den „cultus protoduliae“, der dem heiligen Joseph zukommt, der durch das Band der Ehe mit Maria verbunden ist und durch die gesetzliche Vaterschaft mit dem Sohn Mariens, der so dem zentralen Geschehen der Heils- und Erlösungsordnung näher steht als alle anderen Heiligen.

Der Kult der Kirche ist die Frucht des Glaubens und seine Konkretion. Der Glaube ist der Maßstab dieses Kultes. Die altchristliche Formel „legem credendi lex statuat supplicandi“ gilt deshalb, weil ihr die Umkehr der Formel zugrunde liegt, und zwar normativ, „legem supplicandi lex statuat credendi“141. Wenn die Mutter Jesu und sein Nähr- und Pflegevater die anderen Heiligen an Heiligkeit überragen, auf verschiedenen Ebenen, und wenn folglich die Marienverehrung und die Josephsverehrung dem Kult der anderen Heiligen vorgeordnet ist, wiederum auf verschiedenen Ebenen, dann ist auch die Vorbildfunktion dieser beiden Heiligengestalten im Hinblick auf das christliche Leben grundlegend und normativ, dann ist endlich auch ihr fürbittendes Gebet, selbstverständlich auf verschiedenen Ebenen, von hervorragender Dignität in Relation zu den anderen Heiligen.

134-Werner Schmid, Josef Seeanner (Anm. 56), 21-23.
135-Redemptoris custos, Nr. 22.
136-Johannes Paul II., Ansprache am 19. März 1992 in Castellamare, in: Der Apostolische Stuhl. Ansprachen, Predigten und Botschaften des Papstes, Erklärungen der Kongregationen. Vollständige Dokumentation, Köln 1992, 305.
137-John Henry Newman, Predigten. Gesamtausgabe, Bd. 11, Stuttgart 1964, 155.
138-Ders., Predigten. Gesamtausgabe, Bd. 10, Stuttgart 1961, 57.
139-Vgl. etwa John Henry Newmann, Betrachtungen und Gebete (Anm. 58), 85 f.
140-Siehe oben Anm. 102.
141-Denzinger – Schönmetzer, Nr. 246.

(Joseph Schumacher: Die Bedeutung der Verehrung des heiligen Joseph im Kontext der Heiligenverehrung der Kirche)

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Der hier in 19 Abschnitten veröffentlichte Vortrag von Prof. Joseph Schumacher trug den Titel: „Die Bedeutung der Verehrung des heiligen Joseph im Kontext der Heiligenverehrung der Kirche“. Dieser Vortrag wurde auf dem Internationalen Symposion (San Salvador vom 16. – 23. September 2001) über den heiligen Joseph, über die Apostolische Exhorte von Papst Johannes Paul II. „Redemptoris custos“, vorgetragen.
Quelle – www.theologie-heute.de

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