Fünf Tage mit dem Trappisten Bruder Rafael Arnäiz Baron (3/5)

Im Juli schrieb Rafael an seine Novizenbrüder im Kloster:
„Ihr wisst nicht, was ihr besitzt, und ihr könnt Gott niemals genug für diese große Wohltat danken. Ich selbst wusste es auch nicht, bevor ich gezwungen war, in die Welt zurückzukehren … Die Menschen rufen in selbstmörderischem Hochmut ,Wir brauchen keinen Gott!’… Unsere Gesellschaft ist kaputt; sie beschäftigt sich mit allem, nur nicht mit dem, was wirklich wichtig ist. Ich sage euch ehrlich: Sieht man die derart verblendeten Menschen, wird man ganz traurig, und man möchte ihnen zurufen: ,Wo lauft ihr hin, ihr Narren und Verrückten ? Ihr kreuzigt JESUS, jenen Nazaräer, der uns gebeten hat, einander zu lieben !… Seht ihr nicht, dass ihr den falschen Weg eingeschlagen habt, dass das Leben ganz kurz ist und dass man es nützen sollte, weil das Gericht Gottes nah ist? Doch das nützt nichts; in der Welt hört man nichts mehr von Gott und seinem Gericht.“

Rafael hatte erkannt, dass die Menschen aus der Finsternis des spirituellen Todes nur befreit werden können, wenn sie ihr Herz für Christus, das Licht der Völker, öffnen.

Im Januar 1935 fuhr er mit seinem Bruder Leopoldo an die französische Grenze, um dort ein Auto für seinen Vater abzuholen. Er wollte es unbedingt als Erster fahren; während der Reise kostete er sowohl den Komfort als auch den Spaß voll aus. Doch trotz dieser Freude am Weltlichen schrieb er einige Monate später an seinen Abt:
Meine Mönchsbrüder „glauben vielleicht, dass ich sie vergessen habe, aber die Wesen, die man in Gott liebt, vergisst man nicht. Indem man sie liebt, liebt man Gott, und Ihn in seinen Geschöpfen zu lieben, ist ein großer Trost, der seiner Ehre nichts nimmt.“

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Im Mai 1935 erkrankte Rafaels Schwester Mercedes an einer unheilbaren, akuten Bauchfellentzündung. Rafael kümmerte sich viel um sie, doch er litt unbeschreiblich, sie in diesem Zustand zu sehen. Am 9. Juni war die Kranke am Ende ihrer Kräfte. „Sorge dich nicht, Schwesterchen“, sagte er zur ihr. „Ich gehe gleich in die Kirche und erzähle alles der Gottesmutter, damit sie euch von eurem Leiden befreit, Mama und dich; du wirst eine ruhige Nacht haben, du wirst schon sehen.“
Eine Viertelstunde später kam er lächelnd wieder:
„Ich habe es getan. Ich habe zur Heiligen Jungfrau gesagt: ,Sieh zu, Mutter, was du für Mama tun kannst; und mach meine Schwester gesund.‘ Du wirst schon sehen, wie dich die Gottesmutter heilen wird.“
Nach einer letzten Morphiumspritze schlief die Kranke die ganze Nacht durch. Die Schmerzen hörten völlig auf, und innerhalb eines Monats hatte sie entgegen allen Erwartungen die zuvor verlorenen 25 kg wieder zugenommen.

Doch der junge Mann sehnte sich nach wie vor nach dem Klosterleben. Im Dezember 1935 schrieb er über den Trappistenmönch:
„Seine Berufung besteht darin, dass er von der Welt und den Geschöpfen vergessen werden will, um sich in der Stille und der Demut eines Oblaten Gott zu weihen. Er will eine Opfergabe für Gott sein, aber unbemerkt von der Welt: ein leichter Schatten, der sein Leben damit verbringt, Gott intensiv und still zu lieben; er will den Seelen der ganzen Welt zur Gottesliebe verhelfen, und zwar ohne deren Wissen.“

Rafaels Gesundheit hatte sich so sehr gebessert, dass er am 11. Januar 1936 ins Kloster zurückkehren durfte. Da er wegen seiner Diabetes nicht streng nach der Regel leben konnte, wurde er Oblate, d.h. er sollte nicht wie die anderen eine öffentliche Profess ablegen. Diese Situation war für ihn umso demütigender, als seine Seele sich mit aller Kraft nach dem Trappistenleben sehnte: den Bußübungen, der Arbeit, der Regel. Gleichwohl begriff er sein Oblatentum als eine Loslösung von seiner Berufung zum Trappisten:
„Ich verdiene es nicht, Mönch zu werden … Die heilige Messe lesen?… Herr, ich muss so bald vor dir erscheinen, was macht das schon? … Die Gelübde? … Liebe ich Gott nicht mit aller Kraft? Wozu dann noch Gelübde? Nichts hindert mich daran, an Seiner Seite zu sein, Ihn zu lieben, still, demütig, in der Schlichtheit eines Oblaten.“

Er verknüpfte seinen Oblatenstatus mit dem Mysterium der Passion Christi. Doch seine Loslösung von allem machte ihn nicht gleichgültig gegenüber den anderen; er schrieb an seinen Vater:
„Ich möchte ein sehr menschlicher Heiliger werden“ und „Die Liebe zu Gott schließt die Liebe zu den Geschöpfen nicht aus“.

Um ihn besser pflegen zu können, brachte man ihn auf der Krankenstation unter. Der frühere Novizenmeister war gestorben, und Rafaels Beziehung zum neuen Novizenmeister war recht schwierig. Er musste Einsamkeit und Unverständnis erdulden, da einige Mönche an den für ihn geltenden Ausnahmen von der Regel Anstoß nahmen. Glücklicherweise konnte er sich auf den Abt und auf seinen Beichtvater stützen. Anfänglich, unter der Pflege eines jungen Mitbruders, lief alles sehr gut, doch dieser wurde im Herbst 1936 zum Kriegsdienst einberufen und verließ das Kloster; sein Nachfolger zeigte viel weniger Verständnis.

 

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