Fünf Tage mit dem Trappisten Bruder Rafael Arnäiz Baron (4/5)

Im Juli 1936 brach der Spanische Bürgerkrieg aus. Rafael wurde am 29. September mobilisiert, jedoch für dienstuntauglich befunden. Viele der jungen Mönche wurden eingezogen. Rafael litt sehr darunter, dass seine Mitbrüder in den Krieg zogen, während er selbst ausgemustert war; nach einem Aufenthalt bei seiner Familie, die in einem ruhigen Dorf in Kastilien Zuflucht gefunden hatte, kehrte er am 6. Dezember ins Kloster zurück.

Am 7. Februar 1937 musste Rafael wegen einer Verschlechterung seines Gesundheitszustandes zum dritten Mal das Kloster verlassen, da er dort aufgrund des Krieges nicht mehr angemessen versorgt werden konnte. Bei seiner Abreise versicherte er:
„Ich erkenne so klar Gottes Hand, dass es mir nichts ausmacht.“
Er kehrte zu seinen Eltern in das kastilische Dorf zurück, in dem sie sich immer noch aufhielten, und griff wieder zu Staffelei und Pinsel. Er streifte durch die Felder, sprach mit den Pächtern, informierte sich über die Ländereien seines Vaters, verbrachte viel Zeit im Freien mit der Betrachtung des Himmels, musizierte, betete den Rosenkranz. Von seiner Mutter gepflegt, besserte sich sein Zustand allmählich, obwohl die Krankheit nicht besiegt war. Er hatte nun eine weitere Schwelle überschritten: Er akzeptierte die Wirklichkeit nicht nur, er liebte sie auch so, wie sie war.

Rafael spürte, dass JESUS ihn ins Kloster zurückrief, zögerte jedoch angesichts des Leidens, das ihn dort erwartete.
„Der Herr prüft mich schwer mit dieser Krankheit, die mich kommen und gehen lässt, ohne einen festen Platz zu haben, an dem ich verweilen kann : bald in der Welt, bald im Kloster; um das zu verstehen, muss man es erlebt haben …“ Eines Tages sagte Rafael schließlich zu seiner Mutter: „Mutter, ich muss gehen.“ – „Schon?“, fragte sie beklommen. – „Ich muss … Morgen kehre ich ins Kloster zurück“, erklärte er, bevor er am 15. Dezember wieder nach San Isidro aufbrach. Der Abschied von seiner Mutter war schmerzlich. Da sie sah, dass ihr Mann keine Reisevorbereitungen traf, fragte sie ihren Sohn: „Fährt dein Vater nicht mit?“ – „Nein. Diesmal fahre ich allein.“

Rafael schrieb in sein Tagebuch:
„Meine Berufung besteht einzig darin, Gott zu lieben, im Opfer und im Verzicht, ohne andere Regel als den blinden Gehorsam seinem Göttlichen Willen gegenüber. Ich glaube, ich erfülle heute diesen Willen, wenn ich ohne Ordensgelübde und als Oblate den Vorgesetzten der Zisterzienserabtei San Isidro de Duenas gehorche …“

Er litt physisch und moralisch:
„Sie kennen meine Berufung nicht. Wenn die Welt um das ständige Martyrium meines Lebens wüsste … Wenn meine Familie wüsste, dass mein Mittelpunkt weder das Trappistenkloster, noch die Welt, noch irgendein Geschöpf ist, sondern nur Gott, der gekreuzigte Gott … Meine Berufung heißt: leiden.“

Von da an wünschte er sich nichts mehr und verzichtete auf jeden offiziellen Status:
„Mir ist meine Berufung klar geworden. Ich bin kein Mönch … ich bin auch kein Laie … ich bin nichts … Gott sei gelobt, ich bin nichts weiter als eine Seele, die Christus liebt.“

Zu Beginn der Fastenzeit 1938 kündigte Vater Abt an, er werde Rafael bald die Kukulle (das
Ordensgewand, das normalerweise den Mönchen vorbehalten ist, die ihre Profess abgelegt haben) und das schwarze Skapulier überreichen (bis dahin hatte er das weiße Skapulier der Novizen getragen). Einen Augenblick lang war Rafael außer sich vor Freude, doch schon bald fing er sich:
„Mir ist klargeworden, dass ich nicht frei von Eitelkeit bin.“

Sein Beichtvater berichtete, dass er in dieser Lebensphase ganze Stunden vor dem Tabernakel verbrachte und danach ganz verklärt wirkte. Um ihn in den langen, trotz allem belastenden Stunden der Einsamkeit zu beschäftigen, erteilte man ihm Aufgaben: Kartoffeln schälen, in der Schokoladenfabrik arbeiten, Pläne und Zeichnungen für den Abt anfertigen oder Latein lernen. Doch nichts konnte ihn von seiner Liebe zu Gott ablenken. Die Tiefe seines spirituellen Lebens erschloss sich den anderen allerdings weitaus mehr als ihm selbst. Er hatte eher das Gefühl, auf der Stelle zu treten und schrieb er am 13. April:
„Allerliebster JESUS, mein Gott, ich sehe, Herr, dass ich nichts für deinen Dienst tue. Ich fürchte, ich vergeude meine Zeit… Wann werde ich endlich anfangen, dir wirklich zu dienen, JESUS?… Ich bin nutzlos und krank.“
Und für sich selbst fügte er hinzu:
„Armer Bruder Rafael! Sei damit zufrieden, dass du dich jeden Moment um reine Absichten bemühst und Gott jeden Moment liebst; dass du alles aus Liebe und mit Liebe tust“

Am Ostersonntag, dem 17. April 1938, bekam Bruder Rafael von seinem Vater Abt das schwarze Skapulier und die Kukulle überreicht. In seiner Betrachtung von diesem Tag notierte er:
„Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich mich heute nicht von Eitelkeit habe überwältigen lassen … Dennoch: JESUS allein erfüllt Herz und Seele.“

Kurz zuvor hatte er einem Mitbruder geschrieben:
„Wer alles aufgibt, gibt nur wenig auf, denn er gibt nur das auf, was er eines Tages (an seinem Todestag) ohnehin aufgeben muss, ob er will oder nicht.“

Am 22. April besuchte ihn sein Vater und verbrachte den ganzen Tag mit ihm. Es schien ihm gut zu gehen. Am 23. bekam er jedoch plötzlich hohes Fieber und heftige Schmerzen; er starb am Morgen des 26. April 1938 im Alter von 27 Jahren.

Grabkapelle

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