Die Liebe des Heilands ist größer als sein Leiden

Das Geschehnis der Herzensöffnung (Joh 19,34), das seit der Patristik auf den Ursprung der Sakramente gedeutet wird, hat Caterina tief bewegt. Wie sie selbst berichtet, habe sie den Herrn gefragt, warum er zugelassen habe, dass sein Herz noch nach dem Verscheiden aufgestochen wurde. Er habe geantwortet, dass seine Liebe weit größer sei als sein zeitlich begrenztes Leiden; Zeichen dafür sei das hervorströmende Blut, nachdem das Leiden bereits überstanden war. Diese Liebe ist gegenwärtig und wirksam in den Sakramenten – namentlich der Taufe und der Buße, welche durch Reinigung die Taufgnade wieder aufleben lässt, und ganz besonders der Eucharistie. Darum kann Caterina die Kirche wie auch das Herz des Erlösers mit demselben bildhaften Ausdruck „Gasthaus“ oder „Laden“ (bottiga) nennen, wo die Pilger Stärkung erhalten auf ihrem Weg.

Entsprechend ist ein umfangreicher Abschnitt des Dialogus (110–116) der Eucharistie gewidmet – jenem Sakrament, das unübersehbar den Mittelpunkt von Caterinas äußerem wie innerem Leben bildete (vgl. Legenda minor II, 12; Supplementum II, 6). Wieder lehrt Gott-Vater Caterina, dieses Sakrament gleiche der Sonne und dem Feuer. „Feuer“ steht für die göttliche Liebe, die sich im menschgewordenen Sohn mit dem „Blut“, der Lebenshingabe, vereint; beide sind untrennbar. „In diesem süßen Sakrament wird euch im weißen Brot die ganze göttliche Wesenheit mitgeteilt“; mit „Leib, Blut, Seele und des ewigen Gottes Gottheit“ wird Christus empfangen. Dabei sieht Caterina ebenso die gesamte Dreifaltigkeit beteiligt: Der Vater ist der „Tisch“, der als „Speise“ den Sohn darbietet; und der Heilige Geist „bedient“ bei diesem Mahl (D. 78), das bereits das Hochzeitsmahl des Himmels voraus verkosten lässt (D. 112). Vorausgesetzt, das Sakrament wird „in Sehnsucht und Glauben“ empfangen.

Ein weiteres Gleichnis erläutert, dass Empfangen keineswegs als rein passiver Vorgang aufzufassen ist: Die Sehnsucht jedes einzelnen Menschen gleicht einer Wachskerze, bei manchen ist sie groß, bei anderen klein. Alle empfangen dasselbe Feuer, doch nicht mit derselben Wirkung. Auch genügt das Wachs allein nicht; die Kerze braucht auch einen Docht. Der Docht steht für den Glauben und das Leben in der Taufgnade. Wer sich im Zustand schwerer Sünde befindet, dessen Kerze ist gleichsam „ins Wasser gefallen“, so dass der durchnässte Docht bei der Berührung mit dem Feuer nur zischt; er muss zuerst in Reue und Bekenntnis getrocknet werden, bevor er das Licht aufnehmen kann (D. 110).
Die Begegnung mit Christus im Sakrament geschieht in Glaube und Liebe, das wird ausdrücklich betont, nicht in sinnenhaften Erfahrungen: „Dieses Sakrament wird mit dem Auge des Geistes gesehen, sofern der heilige Glaube die Pupille dieses Auges ist … es wird berührt mit der Hand der Liebe … es wird gekostet durch den Geschmack des heiligen Verlangens…“ (D. 111). Auf diese Weise empfangen, ist die Kommunion personale Begegnung und Vereinigung – „wie der Fisch im Wasser und das Wasser im Fisch“ –, und „eine Speise gegen das Vergessen“ der Liebe Christi.

Wenn Christus der einzige Mittler ist – die Brücke, die vom Himmel auf die Erde reicht (D. 21 ff.) – und der Ort der Vermittlung die Kirche und ihre Sakramente, dann ergeben sich zwei Folgerungen. Erstens: Sich von der sichtbaren Kirche zu trennen, selbst wenn ihre Glieder verkommen wären, heißt, sich vom „Blut“, der Erlösungsgnade trennen (vgl. Br. 171). Zweitens: Die „Braut Kirche“ muss dem Bräutigam in innerer Haltung und Verhalten ähnlich werden. Das betrifft zuerst diejenigen, welche die Verantwortung der Ausspendung haben, Papst, Bischöfe, Priester als „ministri del sangue“. Es geht aber ebenso alle Gläubigen an, welche die Sakramente empfangen.

(aus: Marianne Schlosser. „Medizin gegen die Eigenliebe“, in „Die Tagespost“)

 

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