Das Versagen ihrer Diener schadet der Kirche nicht

Der gesamte Abschnitt über die Eucharistie mündet in eine Klage Gottes: Caterina solle angesichts dieses Sakramentes verstehen, „zu welcher Würde dessen Diener“ berufen seien, und in welch erschreckender Diskrepanz dazu sie leben (Dial. 113). Sie sollten ihre Mitmenschen stützen, durch Verkündigung, Lebensbeispiel und Gebet, sollten „das zweite Ich“ Christi in dieser Welt sein. Stattdessen seien sie gleichgültig gegenüber dem Seelenheil anderer, „tun, als ob sie nichts sähen“ (D. 122), oder geben großes Ärgernis durch Unzucht, Habgier und Stolz. Zugleich aber untersagt die Gottesrede mit großer Strenge das empörte Urteilen über diese Priester oder ihre Verachtung. Kein Versagen ihrer Glieder kann der Kirche ihren Schatz nehmen: die „Frucht“ der Erlösungsgnade bleibt in ihr. Doch die Schönheit der „Blüten“, die Anziehungskraft der Kirche, wird durch das Verhalten derer, „die der Kirche das Blut aussaugen“, das heißt: von ihr leben, aber nicht für sie, schwer geschädigt (D. 12).

Die „Braut Kirche“ braucht ihrerseits Menschen, die sie „stützen“ und ihre Sendung tragen. Alle Glieder der Kirche, das ist Caterinas tiefste Überzeugung, schulden einander nicht nur gute Werke, sondern das Gut-Sein. Die Berufung zur Heiligkeit ist keine Privatangelegenheit; vielmehr hat aufgrund der inneren Verbundenheit der Glieder selbst das verborgenste Tun des Einzelnen Auswirkungen auf den gesamten Leib (D. 6f.). Darum sind alle, die das Sakrament empfangen, aufgerufen, sich für das Heil der Mitmenschen einzusetzen, „die empfangene Frucht mit dem Preis der Liebe in wahrer Demut und dem Licht des heiligsten Glaubens zu bezahlen“ (Br. 371). Erkennt jemand den schmählichen Zustand, so sind weder blankes Entsetzen, noch Verachtung oder gar Zynismus die gottgewollte Reaktion, sondern „heiliges Mitleid“, das freilich nicht tatenlos bleibt: Wenn jemandem von einem hohen Herrn ein kostbares Geschenk gesandt würde, dann würde er es sicher annehmen, auch wenn der Bote in schmutzigen Lumpen daherkäme. Und wenn er den Herrn liebt, wird er sich darum bemühen, dass der Bote sich ordentlich kleidet (D. 15; 120)!

Denn wer „bis zum Herzen Christi gelangt ist“, das im Sakrament der Eucharistie offensteht, der bekommt selbst ein „neues Herz“ – wie Caterina es in ihren Gebeten für den Papst erbat. Das Kennzeichen des neuen Herzens ist der „Hunger nach dem Heil“ der Mitmenschen, der Hunger und der Durst Christi, in mutigem Einsatz und tapferem Ertragen. Hierin eine echte Tochter des heiligen Dominikus, sieht Caterina die Auswirkungen in Verkündigung und fürbittendem Gebet: „Der Mund spricht von dem, wovon das Herz erfüllt ist“ – zu den Menschen über Gott, zu Gott zugunsten der Menschen. Darin besteht in dieser Welt die Vollendung der christlichen Liebe: „Christus gießt sein Blut fortwährend aus für uns, am Tisch des Altares … Wir, die wir an diesem Tisch essen und der genossenen Speise ähnlich werden, beginnen zu handeln wie Er.“

(aus: Marianne Schlosser. „Medizin gegen die Eigenliebe“, in „Die Tagespost“)

 

Caterina von Siena.
Gespräch mit Gott über seine Vorsehung,
Übers. Claudia Reimüller,
Hg. Werner Schmid,
Verl. St. Josef Kleinhain 2017
550 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3901853357

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