Ansprache des hl. Bernhard an die Äbte

Aus aktuellem Anlass und passend zu dem gestrigen Beitrag über das Generalkapitel der „Zisterzienser von der strengeren Observanz“ (OCSO) sei heute ein Abschnitt aus einer Predigt des hl. Bernhard beigefügt, die er an die Äbte seines Ordens gerichtet hat.

Hl. Bernhard mit Abtstab

… Eng ist nämlich der Weg, und ein solcher ist ein Hindernis für die, die voran- und fortschreiten wollen. Daher kommt es, daß sie ihn ständig anklagen und tadeln, daß sie die Trägheit seiner Lauheit nicht ertragen können, daß sie ihn gleichsam mit Sporen drängen und mit den Händen stoßen. So geschieht zwangsläufig eines von beiden: entweder er geht weiter oder er geht zugrunde. Unter keinen Umständen darf man deshalb stehenbleiben; doch das Zurückblicken oder Sich-Vergleichen mit anderen ist noch viel schädlicher. Hingegen müssen wir in aller Demut laufen und uns beeilen, damit sich nicht etwa der von uns entfernt, der wie ein Held ausgezogen ist, um seine Bahn zu durcheilen (Ps 18,6). Wenn wir besonnen sind, halten wir ihn uns ständig vor Augen und werden, von seinem Duft angezogen, leichter und schneller laufen.

Der Weg auf der Brücke aber wird sich für die nicht als zu eng erweisen, die auf ihm laufen wollen. Aus dreierlei Holz ist er nämlich zusammengefügt, so daß der Fuß derer, die sich in vollkommener Weise darauf stützen wollen, nicht unterwegs ins Rutschen kommt. Gemeint sind damit aber die körperliche Buße, die Armut an weltlichen Gütern und die Demut des Gehorsams.

Denn „wir müssen durch viele Drangsale in das Reich Gottes gelangen“ (Apg 14,21). „Wer“ aber „reich werden will“ in dieser Welt, „gerät in Versuchungen und Schlingen des Teufels.“ ( 1 Tim 6,9) Und wen der Ungehorsam von seinem Gott entfernt hat, kehrt ohne Zweifel durch den Gehorsam geradewegs zu ihm zurück. Daher ist es notwendig, daß all dies ineinandergefügt wird. Denn die körperliche Buße kann weder im Reichtum dauerhaft noch ohne Gehorsam richtig geordnet sein; die Armut aber kann in Genuß und Eigensinn gar keinen Sinn haben; und der Gehorsam ist in Reichtum und Genuß weder dauerhaft noch ehrenwert.

Wenn du dies aber in rechter Weise miteinander verbunden hast, so sieh nach, ob du nicht drei Gefahren dieses Meeres ausgewichen bist: Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens (1 Joh 2,16). Du mußt es in rechter Weise miteinander verbunden haben – das betone ich, so daß du dich bei der Buße vor dem Knoten der Ungeduld, bei der Armut vor der Ängstlichkeit der Begierde und beim Gehorsam vor dem Muttermal des Eigenwillens in acht nimmst. Denn die Murrenden wurden von Schlangen umgebracht (1 Kor 10,9 f.), und „wer reich werden will“ – es heißt nicht, wer es ist, sondern „wer es werden will -, gerät in die Schlinge des Teufels.“ ( 1 Tim 6,9) Doch was bringt es auch, wenn du vielleicht, was ferne sei, zwar keine Reichtümer, sondern nur das, was zur Armut gehört, mit solcher Inbrunst begehrst oder sogar noch glühender, als die Weltleute nach Reichtümern verlangen?

Was macht es schon aus, wonach man verlangt, wenn das Streben in gleicher Weise verkehrt ist, außer daß es noch erträglicher scheinen kann, am meisten nach dem zu verlangen, was offensichtlich mehr wert ist. Wer also offen oder versteckt danach strebt, daß ihm der geistliche Vater das aufträgt, was seinem Willen entspricht, der täuscht sich selbst, auch wenn er sich vielleicht zu seinem angeblichen Gehorsam beglückwünscht. Keineswegs gehorcht er nämlich in diesem Punkt dem Vorsteher, vielmehr muß ihm der Vorsteher zu Willen sein.

Da uns aber nach dem Wort des Erlösers mit dem Maß zugeteilt wird, mit dem wir messen (Mt 7,2), ist es gut für den Menschen, darin ein Höchstmaß zu geben, damit er zur Zahl derer gehört, denen ein reiches, volles, gehäuftes und überfließendes Maß in ihren Schoß geschüttet wird.

Es genügt nämlich zum Heil, die Mühen des Leibes geduldig zu tragen;
das Höchstmaß ist es jedoch, sie sogar freudig in der Glut des Geistes zu umarmen.

Es kann genügen, nichts Überflüssiges zu begehren, doch auch dann nicht zu murren, wenn das Notwendige vielleicht fehlt.
Das Höchstmaß ist es jedoch, dabei sogar zu jubeln und mit Freude danach zu suchen, wie eher ein anderer das Notwendige erhalten und man selbst Mangel leiden könnte.

Es genügt auch zum Heil, wenn du weder durch Unwillen noch durch Heuchelei den Sinn des Vorgesetzten gegen seinen Willen zu dem hinlenken möchtest, was du begehrst;
das Höchstmaß ist es jedoch, auch das zu fliehen, woran der Eigenwillen fühlbar Gefallen findet, soweit man es freilich mit gutem Gewissen tun kann.

… Doch zusammen mit der reinen Absicht braucht es auch einen tadellosen Lebenswandel, so daß er, der als Vorbild für die Herde eingesetzt ist, mit dem Tun und Lehren selbst beginnt und nach der Regel unseres Lehrmeisters „in seinem Handeln zeigt, was er seine Jünger lehrt, daß man nicht tun darf, was mit dem Gebot Gottes unvereinbar ist.“ (RB 2,13) Sonst könnte vielleicht ein Bruder, den er tadelt, leise murren und sagen: „Arzt, heile dich selbst!“ (Lk 4,23) Ein solcher Anlaß bedeutet den schlimmsten Schaden für den Vorsteher und das schlimmste Verderben für die Untergebenen.

Nicht, weil ich mich selber genug davor hüte, spreche ich so. Nein, die Wahrheit selbst ruft mir und allen in gleicher Weise zu, daß einer, der das Vorsteheramt verwaltet, untadelig sein muß, so daß er mit ruhigem Gewissen mit dem Herrn denen antworten kann, die ihn schmähen: „Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen?“ (Joh 8,46) Nicht weil er in diesem elenden Leben ganz ohne Sünde sein könnte, sondern weil er als Lehrer unbedingt meiden muß, was er an den Jüngern tadelt.

Wie er in seinem Lebenswandel ist, so muß er daher auch in seinen geheimen Gedanken sein. Er darf nicht nach außen hin demütig, innen in seinem Herzen aber überheblich sein, sich auf seine Weisheit, Tugend oder Heiligkeit etwas einbilden, denn das wäre ohne Zweifel ein geheuchelter Glaube, wenn er nicht, wie es die Demut seines Lebenswandels zeigt, allein auf die Güte Gottes vertraut.

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