Die Liturgie der Schismatiker

„Der Ururgroßvater, Antoine-Philippe, war während der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils Messdiener. Viele langjährige Weggefährten traten in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Traditionalisten bei, die von Monseigneur Marcel Lefebvre angeführt wurden. Diese konservativ Gesinnten, auch wenn sie nicht mal besonders gläubig waren, konnten sich nicht mit der Demokratisierung der Messe abfinden, mit der Verbannung der lateinischen Sprache, dem Ersetzen der alten Altäre. Es kam zum Schisma. Die Leveques gehörten aber nicht zu denen, die sich abspalteten, obwohl die neue Messe sie mehr als andere entsetzte. Der Grund, warum die Leveques im Schoß der erneuerten katholischen Kirche verblieben, war einfach, er lautete Notre-Dame. Man konnte sie nicht im Stich lassen, genauso wenig, wie man einen alten schutzlosen Freund fallen ließ, der in Not geraten war. Und so ertrug Antoine-Philippe alles, was auch die Kathedrale erleiden musste. Er ertrug die fünfzehnminütige Messe, den Priester, der sein Gesicht nicht dem Herrn zuwandte, sondern der Gemeinde, er ertrug es, dass man die Hostien in die Hände der Gläubigen verteilte. Die ganze Familie ertrug es und schaute neidvoll die Videoaufnahmen der Liturgie der Schismatiker an, die man unter Freunden großzügig verteilte.“

Aus dem Buch: Die Moschee Notre-Dame Anno 2048. Von Jelena Tschudinova.

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Jelena Tschudinova

Jelena Tschudinowa, geb. 3. September 1959 in Moskau, ist eine russische Schriftstellerin, Dichterin, Dramatikerin, Publizistin und Rundfunksprecherin. Ihre Veröffentlichungen, bestehend aus Romanen, Kurzgeschichten, Gedichten und Kolumnen, befassen sich vornehmlich mit der russischen Historie und Politik. Den Durchbruch über die Grenzen Russlands hinaus bescherte ihr der 2005 erschienene Roman „Die Moschee Notre-Dame. Anno 2048“, der in der Zwischenzeit zum Bestseller avancierte und in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt wurde.

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