Mich frei machen für den Abschied aus der Welt

Am 11. August 1912 wurde Richard Schepperle in Stetten bei Lörrach in Südbaden geboren. Mit 21 Jahren ist er in den Kapuzinerorden eingetreten. Am 9. März 1940 erhielt er die Priesterweihe. Wie viele andere Kapuziner, Ordensleute und unzählige Priester wurde auch er zum Kriegsdienst eingezogen. In Rußland ist er am 20. Oktober 1943 gefallen.

Pater Medard, so sein Ordensname, hat das nun folgende Testament verfasst und der Nachwelt hinterlassen. Es möge all jene, die es lesen, anregen und ermutigen, Christus in diesem Leben nachzufolgen:

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Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Heute will ich endlich tun, wozu es mich schon lange drängt: Mich frei machen für den Abschied aus der Welt. Zwar bin ich, von Augenblicksstimmungen abgesehen, keiner von denen, die alles durch eine schwarze Brille sehen, im Gegenteil, ich trage stets eine starke Hoffnung auf Gottes Güte in mir, die mich bisher in allen Lebenslagen treu begleitet und beschützt hat. Diese Hoffnung gab mir immer wieder Sicherheit und Ruhe, wenn Lebensgefahr mich bedrohte. Und doch wäre es vermessen, wo ich so oft den Tod anderer vor Augen sehe, für mich das Privileg der Unversehrtheit zu beanspruchen. Darum habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, für den Fall meines Todes dieses Abschiedswort denen zu hinterlassen, die mich in diesem Leben geliebt und die ich geliebt habe.

Zugleich will ich mir dadurch die Freiheit erwerben, unbeschwert von allen irdischen Banden mich zu Gott zu erheben und mich in den Abgrund seiner Barmherzigkeit versenken zu können.

Ich schreibe diese Worte nicht, um mich irgendwie ins Licht zu stellen, denn ich bin mir meiner Schwächen und Fehler schmerzlich bewußt; es ist mir vielmehr ein Bedürfnis, das zu schreiben, weil ich den Tod in der Mitte der Jahre als einen plötzlichen Abriß dessen ansehe, was noch seiner Vollendung harrte, als etwas Unnatürliches insofern, als es der Schöpfungsordnung Gottes, die das reife und vollendete Leben will, nicht voll entspricht. Das leibliche Leben zieht hin zur Fülle der Jahre und zum langsamen Ersterben der reif gewordenen Kräfte. Das Leben der Gnade strebt nach der bestmöglichen Vollendung schon in dieser Zeit im Zusammenklang mit der Reife der natürlichen, auch nach dem Tod bleibenden Kräfte. Beiden wird durch den Tod in des Lebens Mitte die naturgemäße Vollendung genommen.

Besonders schmerzlich wird mir dieser Abriß durch den Gedanken an das gottgeschenkte Priestertum, das ich bisher nur unvollkommen ausüben konnte, mein Priestertum auf der Grundlage meines Berufes als Kapuziner.

Im Gefühl dieses meines Unvollendetseins möchte ich durch diese Worte meinem Leben einen gewissen Abschluß geben zum Trost derer, die um mich trauern werden.

Für den Fall, daß ich sterben soll, füge ich mich ganz in Gottes heiligen Willen, in dem Bewußtsein, daß er, der Herr über Leben und Tod, das auf wunderbare Weise vollenden wird, was unvollendet geblieben ist, und daß er auf Christi Verdienste hin mir all das verzeihen wird, was ich gegen meine Berufung als Mensch, Christ und Ordenspriester gefehlt habe.

Ich danke allen, die mir im Leben Gutes getan haben, vorab meinen lieben Eltern, denen ich das Leben und eine glückliche Jugend und die mir in all den Jahren der Trennung immer lieber gewordene Heimat verdanke; meinen Geschwistern, die wir immer in Liebe und Treue zusammenhielten und die mit mir um gleiche Ideale strebten; meinen Verwandten und Freunden in der Heimat, die mir so viel Gutes erwiesen haben.

Im danke den Priestern meiner Heimatpfarrei, vor allem denen, die meinen Priester- und Ordensberuf großzügig gefördert haben. Ich danke meinen Lehrern, besonders der Ordensschulen in Zell und Bensheim und den Lehrmeistern im Kloster, die mit viel Mühe an meiner sittlichen und geistigen Entwicklung gearbeitet haben. Ich danke den Ordensobern und allen Mitbrüdern, die mir Väter und Freunde geworden sind.

Ebenso bitte ich alle, denen ich Unrecht getan habe oder deren Liebe ich unwürdig war, im Namen Gottes um Verzeihung, wie ich selber allen verzeihe, die an mir eine Schuld haben sollten.

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, darf ich sagen: Ich habe trotz mancher Nöte ein schönes Leben hinter mir. So habe ich allen Grund, Gott, meinem Schöpfer und Herrn, zu danken und mich dankbar seinem Willen zu fügen, wenn er mich ruft, noch ehe ich das Große in seinem Reich auf Erden gewirkt habe, zu dem ich mich berufen glaubte.

Er weiß auch, wie schmerzlich es mir ist, daß ich auf die Lebensweise, zu der er mich berufen und ich mich verpflichtet habe, schon so lange fern der brüderlichen Gemeinschaft verzichten muß, um als Soldat ein geistig und religiös kümmerliches Dasein zu fristen. Doch auch für das will ich dem Herrn danken, zumal er meine „Diaspora“ durch die Gnade des öfteren heiligen Meßopfers erleichtert hat.

„Gratias agamus Domino Deo nostro – Laßt uns Dank sagen unserm Herrn und Gott!“

Dieser Wahlspruch meines Weihetages soll auch die Parole sein, mit der ich zu meinem Schöpfer heimkehren will, um, wie ich trotz meiner Sünden zuversichtlich hoffe, teilzunehmen am ewigen Hochzeitsmahl des Lammes. Ich bitte vor allem Euch, meine Eltern und Geschwister: Weint nicht zu sehr um mich und gebt Euch nicht übermäßiger Trauer hin. Ohne Zweifel ist das für jeden das Beste, was Gott für ihn bestimmt hat. Er, der durch mich, wie ich glaube, einige Menschen getröstet hat, wird auch Euch den Trost nicht versagen. Und vor allem vergeßt nicht: Wir werden uns bald wiedersehen!

Zum Schluß bekenne ich mit meinem Bruder Albert, daß auch ich, wenn es so Gottes Wille ist, mein Leben hingebe für Christi Reich im neuen Deutschland.

Und auch im Angesicht des Todes, der in diesem Land so vielfach droht, will ich mich zu dem bekennen, was ich bei meiner heiligen Profeß im Orden geschworen habe:

Ich gelobe und verspreche Gott dem Allmächtigen, der allerseligsten Jungfrau Maria, dem heiligen Vater Franziskus und allen Heiligen, allzeit meines Lebens die vom Herrn Papst Honorius bestätigte Regel der Minderen Brüder zu halten durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit.

Geschrieben in Rußland um das Fest Maria Himmelfahrt 1943.

Gelobt sei Jesus Christus – in alle Ewigkeit! Amen!

Richard – P. Medard.

 

(Quelle: Gedenkbuch der Kriegsopfer OFMCap 1952)

Als PDF zum ausdrucken : Pater Medard OFMCap – Testament

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