Parteipolitik und Liturgiereform

„Kirchfahrter Archangelus“ macht sich Gedanken über die
Illusionen der „Generation Konzil“ in Kirche und Politik.

Er beschäftigt sich als „Noch-CDU-Mitglied“ mit dieser Partei, insbesondere mit dem Vorurteil, bei ihr handle es sich tatsächlich um eine dezidiert christliche Partei, in der das Katholische tatsächlich auch Einfluss habe. Dem ist offenbar nicht so. Es wird hier sogar von „Lebenslüge“ gesprochen. Interessant ist an diesem sehr lesens- und bedenkenswerten Artikel ist seine Weiterführung und die Verbindung mit dem 2. Vatikanischen Konzil und seinen Früchten. Der Leser kann nicht umhin festzustellen, dass das Konzil wesentlich mit der 68.er Geschichte zu tun hat, obwohl es ein paar Jahre vorher stattgefunden hat. Aber es geht um das „Lebensgefühl“(?) dieser kurzen Zeitspanne, in der offenbar so ziemlich alles aus den Fugen geraten ist, was möglich war. Mich erinnert das an pubertierende Jugendliche, die alles ablehnen, verwerfen, oder zumindest auf den Prüfstand stellen, dessen, was die Werte der Eltern sind/waren. Auch die katholische Kirche verhielt sich in Teilen so. „Kirchfahrter Archangelus“ geht als für alle nachvollziehbar auf das Ereignis der Liturgiereform ein. Er entdeckt nämlich eine hochinteressante Parallele in den örtlichen Pfarrgemeinden und Diözesen. Auch werden noch einmal wichtige Tatsachen genannt, die heute fast vergessen sind oder von jungen Menschen nicht einmal gewußt werden. Und dazu erteile ich Archangelus nun das Wort:

Die Liturgiereform sorgte in deren Augen dafür, dass alles volksnaher wurde, bei der Sprache mal angefangen. Latein konnten sowieso nur noch die wenigsten (was soll man die Leutchen und vor allem die Kinder mit sowas quälen?). Ob nun die Hostie in die Hand oder den Mund gelegt wurde, wird ja schon so wichtig kaum sein und durch den Volksaltar sah man wenigstens nunmehr etwas vom Pfarrer. Nach dem Bruch mit Altvätersitte hatte sich später dann kaum etwas geändert (ja, gut, das Händeschütteln beim „Friedensgruß“, sicher) , die Messe wurde in der Regel würdig gefeiert, da sich sowohl Priester als auch die überwiegende Mehrzahl der Gottesdienstbesuchter unwillkürlich an der überlieferten Messe orientierten. Die Mitzwanziger und -dreißiger schufen sich die bequeme Fiktion „es ist ja eigentlich großartig nichts Neues passiert“, übersahen geflissentlich die bereits damals von den Bischöfen geduldeten „liturgische Experimente“ mit ihren „Gestaltungsmöglichkeiten“ eines Gottesdienstes. Ob beim späteren Heidenspektakel von Assisi oder jüngst „Amoris laetitia“, immer ist ein Zurückschrecken dieser Jahrgänge vor der Realität wahrnehmbar. Ob aus psychologischem Selbstschutz, Gewöhnung oder Denkfaulheit, das ach-so-mündige nachkonziliare Gottesvolk meint unverdrossen, es habe sich ja „eigentlich“ kaum etwas geändert. Ärgerlich diese Drewer- und Ranke-Heinemänner, dieser Küng, aber man vertraut auf die Hierarchie, an der Spitze der Heilige Vater. Die noch vorkonziliar geprägten „Alten“ starben, standen verbittert abseits oder gingen gleich zur FSSPX; die in den wilden 70ern „neugeformten“ Pfarrer hingegen begannen nunmehr, mit den nun ihrerseits ins mittlere Alter vorgerückten, vormaligen Jugendlichen als unermüdliche Laienspielschar im Rücken allsonntäglich „Liturgie zu gestalten“.

Nun fühlte man sich als älterer Mensch langsam nicht mehr heimisch bei den verquasten Predigten und politischen Fürbitten, die eher von der IG Metall oder Amnesty International zu stammen schienen, aber man hielt halt den Mund, um den „verstockten erzreaktionären Levebvrianern“ ja keinen Triumph zu gönnen. Hatte man doch selbst freudig als Kommunionhelfer oder Lektionarin „am Altar gedient“ – sollte dies alles falsch gewesen sein? Sollte dieser lächerliche mittelalterliche Bußprediger aus Hattersheim etwa Recht behalten?
Nein, nein und nochmals nein! Dann lieber zu den Kapriolen schweigen und nur hinter vorgehaltener Hand mosern, da wird im vertrauten Kreis der Pfarrgemeinderats-Veteranen reklamiert und räsoniert („Hast Du schon gehört, was der Bischof jetzt gesagt hat?„), man hangelt sich fortweg von Aufreger zu Aufreger, ohne im Geringsten irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Man wehrt sich verzweifelt gegen die sich gnadenlos aufdrängende Einsicht, dass die „Neue Messe“ lediglich ein zeitbedingter Reißbrett-Entwurf der 60er war und ist. Da dieser spirituell steril blieb, mußte die liberale Hierarchie notgedrungen seine Blößen notdürftig mit aktueller Tagespolitik, Gemeinschaftsfolklore und Entertainment-Elementen wie Gesangsvortrag oder klassischen Musikstücken bedecken. Es regiert der „Kult des Menschen“, den nicht zufällig Papst Paul VI. als Vollstrecker der Liturgiereform lobte, seine Bedürfnisse treten in den Vordergrund, die Gebote Gottes mußten dafür Platz machen. Das Gespräch des Herrn am Jakobsbrunnen wurde modernistisch interpretiert: man müsse nun in Afrika Brunnen für sauberes Wasser finanzieren – das „lebendige Wasser“ des Herrn wurde darüber vergessen.
Da konziliar geprägt, sind besagte Jahrgänge „gut ökumenistisch“ gesonnen, sie waren allzeit bereit, Glaubenspositionen nicht so wichtig zu nehmen, da die „Einheit der Christen“ ja oberstes Ziel sei. Sie machten daher auch unbesehen bei allem mit, ob Weltgebetstag der Frauen oder „ökumenische Andachten“, wenn es nur als „ökumenisch“ bezeichnet wurde.

Allerdings wurde beim sog. „Reformationsjubiläum“ doch sehr deutlich, dass sich seit dem Konzil in den vergangenen fünf Jahrzehnten in Sachen Ökumene rein gar nichts getan hatte – von fortlaufenden Zugeständnissen auf katholischer Seite einmal abgesehen. Die katholischen und protestantischen Gesprächspartnern konnten sich weder in Sachen Anzahl der Sakramente, noch Bibelkanon, Priesterweihe oder der Realpräsenz Christi im allerheiligsten Altarsakrament einigen – die eilfertig gemeldeten „entscheidenden theologischen Übereinstimmungen“ konnten daher auch bezeichnenderweise nicht präzise benannt werden.

Den konzilsgeprägten Ökumene-Begeisterten vergangener Tage dämmert langsam, dass sie einer Illusion aufgesessen sind. Eine „evangelische Kirche“ als Pendant zur katholischen gibt es nicht, auch die öffentlich-rechtliche Körperschaft Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist lediglich ein Dachverband und besteht aus nicht weniger als 20 selbständigen lutherischen, unierten und reformierten Gliedkirchen. Seit der Reformation existierten und existieren eine unübersehbare Vielzahl einzelner, untereinander zerstrittene protestantischer Denominationen, folglich gibt es übrigens auch kein „evangelisches Verhandlungsmandat“, welches alle protestantischen Denominationen inhaltlich binden könnte.

Davon abgesehen nimmt die ältere Generation unbewußt wahr, dass – mangelnder Fortschritte ungeachtet – gleichwohl der Endzweck die Protestantisierung der eigenen Kirche zu sein scheint: die kirchlichen Strukturen in Deutschland werden von den diözesanen Apparaten schrittweise an die Strukturen der protestantischen Gemeinschaften angeglichen: Zölibatswegfall, Frauen-„Priestertum“ durch die Hintertür der priesterlosen „Wort-Gottes-Feiern“ mit Albe und Schal ausstaffierter Gemeindereferentinnen, Interkommunion, kommender interkonfessionelle Religionsunterricht und protestantisierte, weil laiengeleitete, Pfarreien.

Eine ökumene-begeisterte Generation realisiert nun langsam, dass sie ihr Kirchenbild auf eine Illusion aufbauten. Die ganzen Änderungen blieben einzig auf ihre Kirche beschränkt, es änderte sich nur die Messe, diese wurde immer protestantischer:
• Der Altar wurde in einen Tisch ohne Altarstein umgewandelt.
• Die Einführung, daß der Priester die Messe dem Volk zugewendet zelebriert.
• Die Konzelebration.
• Die Messe wird in der Landessprache zelebriert.
• Die Messe wird laut gelesen.
• Die Messe zerfällt in zwei Teilen: die Liturgie des Wortes und die der Eucharistie.
• Das profanierte Altargerät.
• Das gesäuerte Brot.
• Die Austeilung der Eucharistie durch Laien.
• Die Handkommunion.
• Die Unterbringung des Allerheiligsten in der Wand.
• Die Vornahme der Lesungen durch Frauen.
• Die Spendung der Kommunion an Kranke durch Laien

Die evangelischen Gottesdienste hingegen wurden im Gegenzug keinen Deut katholischer. Auch die sog. „Einheitsübersetzung“ der Bibel wird ausschließlich in der katholischen Kirche gebraucht, die protestantischen Gemeinschaften bleiben lieber bei ihren Übersetzungen. In der neuesten Auflage des Gotteslobes finden sich demzufolge auch mehrere Texte von Martin Luther, auf Kreuze o.ä. verzichtete man zugunsten obskurer Schlangenlinien und schwer deutbarer Symbole.

Die Lebenslüge diese Generation bestand darin, anzunehmen, dass man als guter Katholik mit der CDU das Gemeinwesen christlich prägen könnte. Dabei war klar, dass ethisch-moralische Aspekte wie etwa der § 218 StGB lediglich in die Funktion hatten, in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP die notwendige Verhandlungsmasse darzustellen, um die eigenen, wichtigen, Ziele in Fragen der inneren und äußeren Sicherheit sowie der Wirtschaft zu erreichen. So dachte in der CDU/CSU niemand daran, den bestehenden § 218 zu verändern und gesellschaftliche Verwerfungen zu provozieren . Auch für ethische Fragen wie etwa Präimplantationsdiagnostik, Klonen oder andere bioethische Fragen hat sich die Union nie ernsthaft interessiert. Solche Themen wurden zuverlässig in Wahlkämpfen angesprochen und nach Schließung der Wahllokale ebenso zuverlässig wieder vergessen. Nicht von ungefähr berichtet der Artikel „Die neuen Gesichter der CDU“ in der DT-Ausgabe vom 1. März über die Reaktion der Parteitagsdelegierten zur Feststellung des Delegierten Eugen Adler, die CDU habe wenig Interesse am Thema Abtreibung: „und der Sender Phoenix übertrug dazu Bilder von intensiv quatschenden und lachenden Delegierten“.

Es gehört schon eine gehörige Portion Schizophrenie zur Behauptung, die CDU hätte das Gemeinwesen christlich prägen wollen. Als dies in den 80er Jahren immer deutlicher zu Tage trat, kam verstärkt die bekannte Phrase vom „kleineren Übel“ zum Einsatz. Dieses hieß nichts anderes, als dass die anderen halt noch viel schlimmer wären.

Spätestens durch die handstreichartige Entscheidung von Frau Merkel in Sachen „Ehe für alle“ wurde wohl überdeutlich, dass selbst christliche Grundsatzfragen in der Union keinerlei Rolle spielen, sondern lediglich als Staffage für christlich-orientierte Wähler benutzt werden. Da es solche immer weniger gibt, müssen führende Unionspolitiker ihre Ignoranz gegenüber religiös-ethischen Fragen auch immer weniger verhehlen.

Die FAZ berichtet über eine Absprache zwischen der Union und der SPD über das Werbeverbot für Abtreibungen im deutschen Strafgesetzbuch […]

Trotzdem die Illusion zu pflegen, für christliche Werte mit der CDU Mehrheiten erringen zu können, zeigt die Schizophrenie der Halb-und Halben auf: irgendwie schon katholisch sein wollen, aber zugleich bemüht sein, als „aufgeklärt“ von der modernen Umwelt akzeptiert zu werden.

So gesehen sind es eigentlich nicht zwei Lebenslügen, sondern nur eine einzige, allerdings mit zwei Seiten. Die eine Seite der Lebenslüge war, mittels der CDU die liberal verfaßte Gesellschaft der Bundesrepublik katholisch beeinflussen zu können. Die andere Seite war, den katholischen Glauben einer glaubensfernen Umwelt, als aufgeklärt und modern präsentieren zu können und so im Konzilsüberschwang die Welt zu christianisieren.

Bei Licht besehen ist die „Generation Konzil“ mit beiden Vorhaben gescheitert.

„Kirchfahrter Archangelus“

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