Am Vorabend von Christi Himmelfahrt – (5. So. n. Ostern)

Noch vier Tage … Noch weilt am Vorabende des Tages, da Jesus die Erde verlassen soll, um gegen Himmel aufzufahren, auf dieser Erde ein Geschöpf, dessen Gefühle wir nie ergründen, noch beschreiben können; es ist Maria, die ihren Sohn wieder gefunden und den Augenblick nahen sieht, wo er sich abermals entfernt. Nie war ein Herz ergebener in den Willen seines höchsten Herrn; nie aber auch wurde ein ähnliches Opfer einem Geschöpfe zugemuthet. Jesus will, daß die Liebe Maria’s immer noch wachse und deßhalb unterwirft er sie der Prüfung seiner Abwesenheit. Er will außerdem ihre Mitwirkung bei der Gründung der Kirche; sie soll die Hand in diesem großen Werke haben, das sich nur mit ihrer Beihilfe erheben sollte. Darin zeigt sich abermals die Liebe Jesu zu seiner Mutter; er verlangt für sie das höchste Verdienst, um ihr die kostbarste Krone auf’s Haupt zu setzen, wenn sie am Himmel erscheinen soll, um dort den Thron einzunehmen, der für sie über der ganzen verherrlichten Schöpfung bereitet wurde.

Allerdings wird kein Schmerzensschwert mehr das Herz Maria’s durchdringen; das Feuer einer Liebe, die keine Zunge zu schildern vermag, wird es in glühender und dabei wonniger Sehnsucht verzehren, bis sie einmal zusammenbricht, wie die reife Frucht vom Baume fällt, welche der Zweig nicht mehr hält, weil er ihr nichts mehr geben kann. Aber in diesen letzten Augenblicken, in den letzten Umarmungen ihres göttlichen Sohnes, der im Begriffe steht, sie im Lande der Verbannung zurück zu lassen: – wie mag sich das Herz einer solchen Mutter zusammengeschnürt haben, die nur vierzig Tage das Glück gekostet hat, ihren Sohn glorreich und triumphirend zu erblicken und seine zugleich göttlichen und kindlichen Liebkosungen zu empfangen. Es ist die letzte Prüfung Maria’s; aber auch ihr gegenüber hat sie stets nur dieselbe Antwort: „Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn, und mir geschehe nach deinem Wort.“

(Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger)

Andrea di Vanni (ital. ca. 1332-1414) – ASCENSIONE, Ausschnitt
Andrea di Vanni (ital. ca. 1332-1414) – ASCENSIONE

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