Heiliger Bernhard von Clairvaux – 20. August

An den regierenden Papst schreibt Bernhard, der Abt von Clairvaux:

Du mußt Dir deshalb die größtmögliche Mühe geben, daß die Ungläubigen sich zum Glauben bekehren, die Bekehrten sich nicht abwenden, die Abgewendeten zur Umkehr gelangen, die Verirrten zur rechten Ordnung zurückkehren, die Verführten zur Wahrheit heimgerufen werden, die Verführer mit so durchschlagenden Gründen überzeugt werden, daß sie, falls möglich, sich bessern, falls nicht, ihre Autorität und Fähigkeit, andere zu verführen, verlieren.

Du sollst aber nicht einmal die ärgste Art der Unwissenden vernachlässigen, die Häretiker und Schismatiker, die zugleich Verführte und Verführer sind, reißend wie Hunde und durchtrieben wie Füchse. Sie seien Deiner Sorge am dringendsten
anvertraut: sie sollen gebessert werden, um nicht zugrunde zu gehen, zurückgebunden werden, um nicht weiter zu schaden.

[…] Aber die Heiden selbst, was wirst Du mir, sie betreffend, antworten?
Vielmehr, was erwidert Dir Deine Erwägung, wenn Du Dich bei ihr erkundigst? […]

Wir aber, welchen Grund hätten wir, nichts zu tun?
Mit welchem Vertrauen, welchem Gewissen bieten wir denen, die Christus nicht haben, ihn nicht einmal an?
Halten wir Gottes Wahrheit in Ungerechtigkeit nieder?
Und doch muß irgendwann die Fülle der Völcker erreicht werden.
Sollen wir zuwarten, bis der Glaube ihnen von selber zufällt?
Wer aber kommt durch Zufall zum Glauben?
Wie sollen sie glauben, wenn keiner verkündet?

[…] Ein Wort über die Häresie, die fast überall verborgen herumschleicht, bei einigen offen wütet und es eilig hat, allerorten öffentlich die Kleinen in der Kirche zu verschlingen. […]

Da ist eine weitere Unwissenheit, der es beinah gelungen ist, die Weisheit des Glaubens dumm zu machen. Wie hat dieses Gift beinah die ganze Catholica infizieren können? Wir, die in der Kirche, jeder für sich, das Unsrige suchen, wir sind neidisch aufeinander, fordern einander heraus und üben uns so im Haß, ermuntern uns, andern Unrecht zu tun, wappnen uns zu Fehden, ersinnen Finten, wüten in Verleumdungen, verfluchen einander, werden von Stärkeren unterdrückt und unterdrücken selber die Schwächeren.

Wahrlich: würdig und lobenswert beschäftige sich Deines Herzens Betrachtung mit einer solchen Pest von Torheit, die, die Menge der Gläubigen verseuchend, den Leib Christi selber angreift.

O Ehrgeiz, du Kreuz aller im Umkreis, wie kommt es nur, daß du alle quälend allen gefällst? Nichts martert grausamer, nichts beunruhigt lästiger, aber nichts treibt bei den elenden Sterblichen begehrenswertere Geschäfte. Treibt nicht der Ehrgeiz mehr als die Andacht zum Papstpalast hin? Widerhallt nicht den ganzen Tag lang dessen Stimme in Deinem Haus? Lassen nicht seine Gewinnforderungen den ganzen Apparat von Gesetzen und Kanones schwitzen, die ganze italienische Raublust mit unersättlicher Gier nach deren Beutestücken lechzen?

Was kann auf vergleichbare Weise Dein geistliches Tun nicht bloß hindern, sondern gänzlich zerstören?
Wie oft hat dieses ruhelose und beunruhigende Übel nicht Deine heilige und fruchtbare Betrachtung vereitelt?
Es ist gut, daß die Unterdrückten an Dich appellieren können, aber schlimm, wenn der Ehrgeiz mittels Deiner die Herrschaft über die Kirche an sich zu reißen versucht. Den ersteren entziehe Dich nicht, aber den zweiten gib nicht die geringste Zustimmung.
Daß diese gefördert, jene verachtet würden: welche Schmach!
Freilich bist Du beider Schuldner: den Unterdrückten hilf auf, aber die Ehrgeizigen treibe hinweg.

[…] Aus aller Welt appelliert man an Dich, das ist gewiß ein Zeugnis für die Einmaligkeit Deines Primats. Du aber wirst, wenn Du klug bist, Dich nicht am Primat, sondern an dessen Früchten erfreuen.

[..] Was wäre schöner, als daß die Unterdrückten durch Anrufung Deines Namens entkämen, die Verschlagenen aber keinen Unterschlupf bei Dir fänden?
Was hingegen verkehrter, dem Richtigen fremder, als daß der Schuldige juble, während der Erdulder vergeblich leidet?
Unmenschlich wäre es, wenn ein Mensch nicht zu Mitleid bewegte, den das zugefügte Unrecht und dazu noch die Mühsal der Reise, der Schaden der Unkosten mit Leid überhäuft hat, während Du Dich nicht über den empörtest, der von all diesem Unrecht teils der Erfinder, teils der Täter war.

Wach auf, Mann Gottes, angesichts solcher Dinge;
Dein Erbarmen und Deine Empörung sollen sich in Bewegung setzen;
jenes schuldest Du dem Verletzten, diese dem Verletzer.

(Bernhard von Clairvaux. (De consideratione ad Eugenium Papam) Was ein Papst erwägen muss.)

Bernardus: Abbas: Claravallis – Copyright 2009 Hill Museum & Manuscript Library. All rights reserved.

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