Lebende die tot sein sollen und die Widerspruchsregelung

Die Transplantationsmedizin benötigt zur Organspende Lebende, die zugleich tot sein sollen. Das ist schon ein ziemlicher intellektueller Spagat, ein seriös nicht auflösbarer Widerspruch. Im Jahre 1968 wurde deshalb an der Universität Harvard die sogenannte »Hirntoddefinition« entwickelt. Sie besagt, dass wegen einer als irreversibel angesehenen Schädigung des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms und wegen des damit verbundenen Ausfalls der integrativen Funktionen des Gehirns der Eintritt des Todes unumkehrbar sei. Dabei handelt es sich aber um keine gewöhnliche medizinische Diagnose, sondern um eine auf die Zukunft bezogene Prognose, die nur deshalb nicht falsifizierbar ist, weil der für »hirntot« erklärte Patient in der unmittelbaren Folge entweder durch die Organentnahme stirbt oder weil andernfalls die lebenserhaltende Intensivtherapie beendet wird. Danach ist der »Hirntote« in beiden Fällen unzweifelhaft tot.

Seit einer Änderung von § 2 Absatz 1a des Transplantationsgesetzes im Jahre 2012 schreiben die Krankenkassen in Deutschland alle Versicherten ab 16 Jahren – darunter Jugendliche, Schwerkranke, Suizidgefährdete oder Behinderte – regelmäßig an und erfragen ihre Bereitschaft zur Organspende. Der Staat übt dadurch bereits jetzt massiven moralischen Druck auf seine Bürgerinnen und Bürger aus: Wer nicht bereit ist, sich nach dem »Hirntod« Organe entnehmen zu lassen, soll sich schuldig fühlen, wenn anderen Menschen, deren Organe durch eine schwere Krankheit irreparabel zerstört sind, nicht geholfen werden kann.

Eine derart persönliche Frage sollte den Bürgern nicht dadurch aufgedrängt werden, dass sie einer Organentnahme ausdrücklich widersprechen müssen. Eine Widerspruchslösung käme einer sozialen und moralischen Pflicht zur Organspende gleich. Menschliche Organe sind aber keine Produkte, die bestellt und ausgeliefert werden können. Mit Blick auf die Würde des Menschen, die auch dem »Hirntoten« zukommt, macht das deutsche Transplantationsgesetz bisher die Organentnahme von einer Einwilligung des Betreffenden, seiner engsten Angehörigen oder einer anderen Person abhängig, die der potenzielle Organspender benannt hat.

Im Fall einer Widerspruchslösung gälte der Umkehrschluss:
»Im Zweifel gehören deine Organe uns.«

Ethische Debatten werden bei uns jetzt fast nur noch unter dem Aspekt des Organmangels geführt. Das ist jedoch keine hinreichende Rechtfertigung dafür, angeblich Toten Organe zu entnehmen, weil zuvor kein Widerspruch eingelegt wurde. Im Übrigen ist ja bereits der Begriff der »Spende« im Zusammenhang mit dem »Hirntod« ein zwar schon seit 50 Jahren selbstverständliches, aber dennoch im Grunde genommen unglaubliches sprachliches Monstrum: Ich wüsste nämlich ansonsten keinen Lebenssachverhalt zu benennen, bei dem ein Spender seine Spende grundsätzlich nicht überleben kann.

»Angeblich Tote« – Der Hirntod als Tod des Menschen?

In der Fachwelt gibt es inzwischen massive Zweifel sowohl an der eindeutigen Diagnostizierbarkeit des »Hirntodes« wie auch an der Gleichsetzung von Hirntod und Tod des Menschen.

Dass diese Definition eine Wunschvorstellung, nicht aber eine biologische Realität ist, wird mittlerweile selbst von Wissenschaftlern zugegeben, die sie seinerzeit mit aufgestellt haben. Das erklärte uns zum Beispiel am 21. März 2012 der Pädiatrische Neurologe und langjährige Verteidiger der Hirntoddefinition Professor Alan Shewmon aus Los Angeles bei einer Anhörung des Deutschen Ethikrates in Berlin. Herr Shewmon stellte fest, dass sogenannte Hirntote noch längere Zeit biologisch leben können. So haben Frauen noch mehrere Monate nach dem Eintritt der mit »Hirntod« bezeichneten Situation Kinder geboren, Männer sind noch zeugungsfähig. Schon 2008 konzedierte der amerikanische Anästhesiologe, Kinderarzt und Medizinethiker Robert D. Truog von der Harvard-Universität gemeinsam mit seinem Kollegen Franklin Miller von den National Institutes of Health, die Praxis des Hirntod-Kriteriums habe tatsächlich die Tötung des Spenders zur Folge. Truog und Miller forderten aber gerade nicht als Konsequenz daraus, die derzeitige Praxis der Organentnahme zu beenden, sondern sie kamen zu dem wohl kaum widerspruchslos hinnehmbaren Schluss, dass die Regel, wonach der Spender tot zu sein habe, aufgegeben werden müsse: Die Tötung des Patienten durch Organentnahme solle künftig einfach durch den guten Zweck der Organspende als »gerechtfertigt« angesehen werden!

Professor Dr. med. Axel W. Bauer
(Leiter des Fachgebiets Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Von 2008 bis 2012 war er Mitglied des Deutschen Ethikrats, der Bundesregierung und Parlament in bioethischen Fragen berät)

Quelle: LEBENSFORUM, Zeitschrift der Aktion Lebensrecht für Alle e.V. (ALfA) 2. Quartal 2018

Siehe auch: Organspendewiderspruch

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