Hildegard von Bingen – 17. September

Am 7. Oktober 2012 hat Papst Benedikt die Benediktinerin Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin ernannt. In seinem Apostolischen Schreiben heißt es:

Hildegard stellt sich selbst und uns die grundsätzliche Frage, ob es möglich ist, Gott zu erkennen: das ist die grundlegende Aufgabe der Theologie. Ihre Antwort ist ganz positiv: Der Mensch ist imstande, sich dieser Erkenntnis durch den Glauben wie durch eine Tür zu nähern. Dennoch bewahrt Gott immer seinen Nimbus des Geheimnisses und der Unergründlichkeit. Er wird erkennbar in der Schöpfung, aber diese wird ihrerseits nicht voll erkannt, wenn sie von Gott getrennt wird. Denn die Natur, an sich betrachtet, liefert nur Teilinformationen, die nicht selten Anlaß zu Irrtümern und Mißbrauch sind. Deshalb braucht es auch in der Dynamik der natürlichen Erkenntnis den Glauben, andernfalls ist die Erkenntnis eingeschränkt, unbefriedigend und irreführend. Die Schöpfung ist ein Akt der Liebe, durch den die Welt aus dem Nichts hervorgehen kann: Deshalb wird die ganze Schar der Geschöpfe wie der Lauf eines Flusses von der göttlichen Liebe durchströmt. Unter allen Geschöpfen liebt Gott besonders den Menschen und verleiht ihm eine außerordentliche Würde, indem er ihm jene Glorie schenkt, welche die gefallenen Engel verloren haben. So kann die Menschheit als der zehnte Chor der Engelshierarchie angesehen werden. Der Mensch vermag allerdings, Gott in sich selbst, das heißt sein Wesen als Individuum in der Dreifaltigkeit der göttlichen Personen, zu erkennen.

Hildegard nähert sich dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit auf der bereits vom hl. Augustinus vorgeschlagenen Linie: Durch Ähnlichkeit mit seiner Struktur als Vernunftwesen ist der Mensch imstande, wenigstens ein Bild von der innersten Wirklichkeit Gottes zu erhalten. Aber erst im Plan der Menschwerdung und der menschlichen Geschichte des Gottessohnes wird dieses Geheimnis dem Glauben und dem Bewußtsein des Menschen zugänglich. Die heilige und unaussprechliche Dreifaltigkeit in der höchsten Einheit blieb den Knechten des alten Gesetzes verborgen. Aber in der neuen Gnade wurde es den von der Knechtschaft Befreiten enthüllt.

Die Dreifaltigkeit ist in besonderer Weise am Kreuz des Sohnes offenbar geworden. Ein zweiter »Ort«, an dem sich Gott zu erkennen gibt, ist sein in den Büchern des Alten und des Neuen Testaments enthaltenes Wort. Eben deshalb, weil Gott »spricht«, ist der Mensch zum Hören aufgerufen. Diese Auffassung gibt Hildegard die Gelegenheit, ihre Lehre über den Gesang, besonders den liturgischen Gesang, darzulegen. Der Klang des Gotteswortes schafft Leben und offenbart sich in den Geschöpfen. Auch die nicht mit Vernunft ausgestatteten Wesen werden dank des Schöpfungswortes in die schöpferische Dynamik einbezogen. Aber natürlich ist der Mensch das Geschöpf, das mit seiner Stimme auf die Stimme des Schöpfers antworten kann. Und er kann das hauptsächlich auf zwei Weisen tun: in voce oris – mit der Stimme des Mundes, das heißt in der Feier der Liturgie – und in voce cordis, mit der Stimme des Herzens, das heißt durch ein tugendhaftes und heiligmäßiges Leben. Das ganze menschliche Leben kann daher als eine Harmonie und eine Symphonie interpretiert werden.

Textquelle

Foto: Abteikirche St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen

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