† 23. September 1968 – Pater Pio nach der Stigmatisation

Am 20. September empfängt Pater Pio die Wundmale Jesu.

Erst im fortgeschrittenen Oktober ist er wieder in der Lage zu schreiben. Während seine Mitbrüder Kapuziner und alle Menschen meinen, er lebe nun wie ein Engel, wie ein Geist und ständig in der Anschauung Gottes, werden sie in seinen Briefen eines Besseren belehrt.

Am 17.10.2018 schreibt er wieder an Pater Benedetto. Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, wie sich Pater Pios Rede mal an den Adressaten, mal an Gott richtet.

Gott ist meinem Geist unbekannt!
O Heil meiner Seele, wo bist du?
Wo hast du dich versteckt? Wo finde ich dich wieder?
Wo soll ich dich suchen?
O Jesus, siehst d nicht, dass meine Seele dich um jeden Preis fühlen will?
Sie sucht dich überall aber du läßt dich nicht finden, außer wenn du rasend bist vor Zorn und sie mit äußerster Verwirrung und Bitterkeit erfüllst, indem du ihr zu verstehen gibst, was sich für dich ziemt und was dir zukommt.
Wer könnte den Ernst meiner Lage beschreiben?!
Was ich im Widerschein Deines Lichts erkenne, vermag ich mit menschlichen Worten nicht zu sagen, und wenn ich den Versuch mache, stammelnd etwas sagen zu wollen, erkennt die Seele, dass sie sich geirrt und mehr denn je von der Wirklichkeit der Dinge entfernt hat.

O mein Heil, werde ich dich für immer entbehren müssen?!
Ich möchte am liebsten schreien und mich lauthals beklagen, aber ich bin zu schwach, und meine Kräfte spielen nicht mit. Was kann ich also anderes tun, als diese Klage zu deinem Thron aufsteigen zu lassen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? …

Meine ganze Seele ergießt sich über das klare Bild meines Elends!
Mein Gott! Wie soll ich diesem traurigen Anblick standhalten: möge sich der Widerschein deines Strahls von mir zurückziehen, denn ich halte diesen offenen Kontrast nicht aus.
Mein Vater, ich sehe all meine Bosheit und meine Undankbarkeit in ihrem ganzen Umfang: ich sehe den verdorbenen alten Menschen in sich zusammengekauert dahocken, so als wolle er Gottes Abwesenheit mit gleicher Münze heimzahlen, indem er ihm die Rechte verweigert, die ihm unbedingt zustehen. Und welche Kraft dazu notwendig ist, um ihn hochzuziehen!
Mein Gott, mögest du mir bald zu Hilfe kommen, denn ich fürchte mich vor mir selbst, mir boshaftem und undankbarem Geschöpf seinen Schöpfer gegenüber, der es immer vor seinen mächtigen Feinden beschützt hat.

Ich habe deine so erhabenen Gnaden nicht zu nutzen gewußt, und jetzt sehe ich mich dazu verdammt, nur in meiner Unfähigkeit zu leben, niedergebeugt und im Begriff zu entgleisen, während deine Hand über mir immer schwerer und schwerer wird.
Weh mir!
Wer wird mich von mir selbst befreien?
Wer wird mich aus diesem Todeskörper herausziehen?
Wer wird mir die Hand reichen, damit ich nicht von diesem gewaltigen und tiefen Ozean fortgerissen und verschlungen werde?
Werde ich mich damit abfinden müssen, von diesem Sturm, der immer bedrohlicher wird, mitgerissen zu werden?
Werde ich das fiat aussprechen müssen beim Anblick jener geheimnisvollen Gestalt, die mich ganz wund gemacht hat und nicht abläßt von dem harten, bitteren, stechenden und durchdringenden Werk und der Zeit keine Zeit läßt, dass die alten Wunden vernarben, sondern auf diesen schon wieder neue öffnet, und das zur unendlichen Qual für das arme Opfer?

Ach mein Vater, kommt mir zu Hilfe, ich flehe Euch an!
Mein ganzes Inneres regnet Blut, und oft genug ist das Auge gezwungen zuzusehen, wie es auch nach außenhin fließt. Ach, möge diese Qual doch ein Ende haben, diese Strafe, diese Demütigung, diese Verwirrung! Ich kann es nicht länger aushalten und ertragen.

Wieviel möchte ich Euch noch sagen, mein Vater, aber die Flut der Schmerzen erstickt mich und läßt mich verstummen.

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