Die Gnade trauter Freundschaft der Seele mit Gott

Welches Vertrauen mag wohl aus solcher Freundschaft erwachsen? –

Meiner Ansicht nach darf eine solche Seele nunmehr ungescheut sprechen:
Mein Geliebter mir!“ (HI 2,16).
Sie fühlt, daß sie liebt, und daß sie heiß liebt, und bezweifelt nicht, daß auch sie heiß geliebt wird. Und an der besonderen Aufmerksamkeit, Ängstlichkeit, Sorgfalt, Mühe, Genauigkeit und Hingebung, womit sie unaufhörlich und liebevoll darüber wacht, wie sie Gott gefallen könne, erkennt sie mit Bestimmtheit ein Gleiches auch an ihm, eingedenk seiner Verheißung:
Mit dem Maße, womit ihr meßt, wird euch zugemessen werden“ (Mt 7,2).
Nur daß die kluge Braut sich sorgsam davor hütet, Gottes gnadenreiche Gegenleistung als eigenes Verdienst anzusehen; weiß doch die Braut, daß ihr vielmehr der Geliebte zuvorgekommen ist. Daher stellt sie seine Tätigkeit voraus.
Mein Geliebter mir und ich ihm!
Also erkennt sie in ihren Vorzügen lediglich Gottes Vorzüge an und zweifelt nicht, daß sie bereits geliebt wird, wenn sie liebt. Ja, so ist es. Die Liebe Gottes gebiert die Liebe in der Seele. Daß er zuerst sein Sinnen auf die Seele richtet, macht sie nach ihm sinnen; daß er zuerst sich um sie kümmert, läßt sie um ihn sich kümmern. Dazu stimmt denn auch, daß die Seele, wenn sie einmal die Herrlichkeit des Herrn mit unverhülltem Auge schauen darf — ich weiß nicht welcher Naturverwandtschaft zufolge — sich ihm alsbald gleichgestalten, sich in sein Ebenbild umgestalten muß (2 Kor 3,18).
Wenn du dich also für Gott bereitest, so muß auch Gott sich dir zeigen.
Dem Heiligen zeigt er sich heilig, den Unschuldigen unschuldig“ (Ps 17,26).
Sollte Gott nicht ebenso dem Liebenden lieb, gegenüber dem Zugetanen zugetan, gegenüber dem Aufmerksamen aufmerksam und gegenüber dem Besorgten besorgt sein?

Zu guter Letzt noch dieses Wort:
Ich liebe die, die mich lieben; und die früh aufstehen, mich zu suchen, werden mich finden“ (Spr 8,17).
Du siehst, wie der Herr dich nicht nur seiner Liebe versichert, wenn du ihn liebst, sondern auch seiner Sorge um dich, wenn du um ihn dich sorgst.
Wachst du, so wacht auch er.
Steh auf in der Nacht zu Beginn deiner Metten; beeile dich noch so sehr, selbst den Metten zuvorzukommen — ihm wirst du nicht zuvorkommen, ihn wirst du bereits vorfinden. Keckheit wäre es, wolltest du dir bei diesem Messen einen Vorsprung oder ein Übergewicht zuschreiben. Gott liebt mehr und früher. Wenn die Seele dies weiß, oder vielmehr, weil sie dies weiß, darf es dich nicht wundern, daß sie sich rühmt, Gottes Majestät habe sich aller anderen Sorgen begeben und sinne nur mehr ihr nach; hat doch auch sie sich aller Sorgen entschlagen und sich in restloser Hingabe ihm geweiht.

(Hl. Bernhard von Clairvaux)

+