Wie Gott unsere Armseligkeiten zu unserem Heile gedeihen lässt

In diesem Zustand soll also jede Seele die Stimme Gottes hören, sie soll hören voll Staunen und Bewunderung, denn Gott spricht: „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Mt 5,3).
Wer ist im Geiste ärmer als der, der in seinem Geiste keine Ruhe findet, der kein Plätzchen entdeckt, wohin er sein Haupt lege?
Dies ist auch der Ratschluß der Erbarmung:
Wer sich selbst mißfällt, gefällt Gott; und wer sein eigenes Haus haßt, dieses Haus voll Schmutz und Unheil, wird in das Haus der Herrlichkeit eingeladen, in das Haus, das nicht von Menschenhänden gebaut ist, sondern im Himmel ewig währt.
Kein Wunder, wenn die Seele über diese große Huld erschrickt, wenn sie dieser Stimme nur schwer glaubt, wenn sie über die Maßen erstaunt und verwundert spricht:
Kann denn das Elend den Menschen selig machen?
Doch wer du auch sein magst, du darfst nicht mißtrauen.
Nicht die Armseligkeit macht den Menschen selig, sondern die Barmherzigkeit. Aber die eigentliche Heimat der Barmherzigkeit ist die Armseligkeit. Oder die Armseligkeit macht dich wenigstens insofern selig, als die Verdemütigung in Demut, die Not in Tugend übergeht. Es heißt ja:
Einen gnadenvollen Regen hast du, o Gott, deinem Erbe abgesondert. Es war ermattet, du aber hast es gestärkt“ (Ps 67,10). Gewiß ist die Krankheit nützlich, die nach der Hand des Arztes verlangt. Und heilsam macht sich los, den Gott vollendet.
Nun gibt es aber keinen Weg zum Reiche Gottes ohne die Erstlinge dieses Reiches, und niemand kann auf das himmlische Reich hoffen, dem es nicht gegeben wird, über seine eigenen Glieder noch Herr zu werden.
Daher spricht die Stimme weiter: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen“ (Mt 5,4). Das soll wohl, deutlicher ausgedrückt, heißen: Mildere die wilden Wallungen des Willens und suche die grausame Bestie zu zähmen. Du bist gefesselt; suche die Bande, die du nicht zerreißen kannst, zu lösen. Nur Gewalt gebrauchen oder immer gegen sie anrennen, läßt dich auf keinen Fall Herr werden.

(Hl. Bernhard von Clairvaux)

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