Tageslauf und Jahreslauf deutscher Nonnen im 13./14. Jahrhundert (1/2)

Der Tageslauf

Das Siebengestirn der horae canonicae: Mette, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet steht unverrückbar über dem äußeren und inneren Leben der Nonne.

Noch tief in der Nacht sammelt die Mette (Matutin) die Frauen im Chorraum zu Gebet und Gesang. Die Zwischenzeit bis zur Prim gehört wieder dem Schlaf; aber so manche gönnt sich diese Ruhe nicht, bleibt kniend im Betgestühl und erfüllt diese geheimnisgraue Stunde der ersten Frühe mit tiefster Versenkung. Das ist die visionenschwangere Zeit, die in Dunkelheit und Todesstille ihre inneren Stimmen und Lichterscheinungen gebiert. Andere nehmen um diese noch nächtliche Stunde wohl auch gemeinsam ihre Disziplin (Geißelung), „so dass es einem vor dem Kapitelhaus grausig zumute wurde“.

Die Prim mit der stillen Messe im Anschluß eröffnet dann das eigentliche Tagewerk. Es bestand meist in gemeinsamer Handarbeit (gewöhnlich Spinnen) im Werkhaus. Schwestern, die sich auf „höhere Künste“ verstanden, saßen in der großen Schreibstube und fertigten Bücher, noch öfter Notenabschriften für den Chorgesang an. Die Novizenmeisterin unterwies die Anfänger im Lesen und Latein und hörte sie Psalter und Sequenzen ab.

Die Arbeit wurde jeweils durch die weiteren „Tagzeiten“ unterbrochen, zu denen die Glocke wieder in den Chor rief. Diesem Glockenzeichen unverweilt Folge zu leisten, galt als besonders verdienstlich, und die Chroniken versäumen nicht, solch rasche Bereitwilligkeit rühmend hervorzuheben (…).

Das gemeinschaftliche Mittagsmahl wurde um die Nonzeit im Refektorium eingenommen und war von Vorlesung begleitet. Die Kost scheint einfach gewesen zu sein. Die Erholungszeit konnte im Winter auf der heizbaren Kemenate, dem „Warmhaus“, zugebracht werden, im Sommer im Kreuzgang oder Obstgarten. Doch gab es Schwestern, die sich auch dies versagten, einige aus asketischen Gründen, andere um der Behütung ihrer Seele willen (…).

Als Neuerung tritt uns (…) im Dominikanerorden entgegen „die Feierlichkeit, womit die Komplet, das kirchliche Nachtgebet, gesprochen wurde, und das unter Abhaltung einer Prozession gesungene Salve. Hierzu mußten alle Schwestern, auch die vom Anwohnen der übrigen Horen dispensierten Laienschwestern, erscheinen. Das Offizium dieser Schwestern bestand in einer Anzahl Vaterunser, die sie still für sich in den freien Augenblicken, die die Arbeit ihnen ließ, hersagten“ (…).

Nach der Komplet war Schweigen geboten bis zur Schlafenszeit. Diesen Tagesabschluss verbrachten einige noch betend und betrachtend im Dormitorium an ihrem Bette, andere im einsamen Kirchenchor, Gnaden ersehnend und im halben Traum empfangend.

Aus: Deutsches Nonnenleben. Das Leben der Schwestern zu Töss und der Nonne von Engeltal.  1921.

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