Wie gegen den Zorn vorgehen?

Der heilige Augustinus sagt: „Es ist besser, auch dem gerechten Zorn den Eintritt zu verwehren, so klein er auch sein mag, denn hat er einmal Platz ergriffen, dann ist es schwer, ihn wieder herauszuwerfen. Aus dem ursprünglich kleinen Wurzelreis wird im Nu ein Baum. Dauert er einmal bis zur Nacht und geht die Sonne darüber unter (wovor der Apostel so sehr warnt, Eph. IV, 26), dann wird er zum Haß und man kann ihn fast nicht mehr loswerden, denn dann nährt er sich von tausend falschen Gründen. Noch jeder zornige Mensch hat seinen Zorn für gerecht gehalten.

Man bemühe sich also, ohne Zorn auszukommen, als selbst mäßigen und berechtigten Zorn zu dulden.

Werden wir einmal aus Schwäche und Unvollkommenheit davon überrascht, dann ist es besser, ihn rasch niederzuschlagen, als mit ihm zu unterhandeln; denn so wenig Freiheit man ihm auch zugesteht, er macht sich doch schnell zum Herrn der Lage.

Wie aber schlägt man den Zorn nieder?

Nimm schnell deine Kraft zusammen, sobald du ihn aufsteigen fühlst: nicht heftig und ungestüm, sondern ruhig und doch ernsthaft. Bei Gerichtssitzungen machen oft die Türhüter, die ‚Ruhe!‘ schreien, mehr Lärm als die Leute, die sie zum Schweigen bringen wollen; so geht es auch oft mit dem Zorn.

Wenn wir heftig ankämpfen, machen wir unser Herz unruhiger, als es vorher war, so daß es vor Aufregung nicht mehr Herr über sich selbst ist. Nach diesem ruhigen Bemühen befolge die Weisung des Hl. Augustinus: „Handle wie ein Mann handeln soll. Trifft dich, was der Mann Gottes im Psalm sagt: ‚Mein Herz ist von großem Zorn erregt‘, dann rufe zu Gott, auf daß er seine Rechte ausstrecke, um deinem Zorn zu gebieten: ‚Herr, hab Erbarmen mit mir‘ (Ps. XXXI, 10).“

Damit will ich sagen, daß wir Gott um Hilfe anrufen müssen, wenn wir uns vom Zorn erregt fühlen, wie die Apostel, als sie mitten auf dem See von Sturm und Unwetter hin- und her geschleudert wurden. Er wird unsere Leidenschaft zum Schweigen bringen und es wird eine große Ruhe sein.

Aber eines sage ich dir immer wieder.

Wenn du im Gebet gegen einen vorhandenen oder aufsteigenden Zorn ankämpfst, dann bete immer ruhig, ja nicht heftig!

So müssen alle Mittel gegen dieses Übel gehandhabt werden. Hast du im Zorn gehandelt, dann mache den Fehler sofort wieder gut durch einen Akt der Sanftmut gegen jene, über die du in Zorn geraten bist. Es heißt, daß frische Wunden am raschesten heilen.

Lege dir ferner einen Vorrat an Ruhe und Sanftmut an in der Zeit, da du ruhig bist und keinen Anlaß zum Zorn hast, indem du alles, Großes und Kleines, so ruhig und sanft wie möglich sagst und tust. Aber nicht nur Milde und Höflichkeit gegen Freunde oder Fremde, sondern auch gegen Hausleute oder Nachbarn sollen wir haben.

In dieser Hinsicht verfehlen sich diejenigen schwer, die auf der Straße wie Engel sind, daheim aber Teufeln gleichen.

Hl. Bischof Franz von Sales

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