Betrachtung zum 2. Advent

Der Martertod des hl. Johannes des Täufers

1. Wir sehen den hl. Johannes im Gefängnis am Hofe des Herodes. Er ist sich stets getreu. Er lässt sich weder durch die Majestät des Königs blenden noch durch den Tod schrecken.

2. Wir bitten Gott um die Gnade, dem heiligen Vorläufer Christi in beiden Charakterzügen nachzueifern, damit wir überall tapfer unsere Pflicht erfüllen.

1. Sonder Furcht und Tadel

Herodes hatte eine tiefe Scheu vor Johannes, kannte er ihn doch als einen gerechten und heiligen Mann. Wenn er ihn hörte, wurde er sehr bedrückt, aber gleichwohl hörte er ihn gern“ (Mk 6,20). Die Hauptfeindin des Propheten war Herodias, des Königs Weib, das ihn seiner lästigen Strafpredigten wegen hasste. Wie mancher hätte in dieser Situation alles vermieden, das zornmütige, mächtige Weib nicht weiter zu reizen und die Gunst des Fürsten nicht zu verlieren. Ein mittelmäßiger Mensch hätte hier sicher den Mittelweg gesucht, um Gewissen und Glück zu vereinigen und seine Pflichten dem eigenen Vorteil anzupassen. Johannes, der Täufer aber, der am Hofe war, um gegen das Laster zu predigen, strafte ungescheut die öffentliche Sünde, weil sie ein Ärgernis war. Er gab nichts auf die Ungnade des Königs und Herodias‘ Zorn.

So sind die wahren Diener Jesu Christi beschaffen, meine Seele! Sie kennen kein anderes Ziel als Christi Ehre. In diesem Eifer geben sie alles andere preis. Nach dem Beispiel des heiligen Apostels Paulus ist ihnen der Verlust ihrer Ruhe, ihrer Ehre, selbst ihres Lebens ein Gewinn, sie stehen ja im Dienste eines Meisters, der alles, was man ihm opfert, tausendfältig ersetzt.

Verleihe Deinen Dienern, o Herr, bei der Verkündigung Deines heiligen Evangeliums diesen apostolischen Eifer und diese Kraft. Gib ihnen Festigkeit der Seele, um in den großen Gefahren aufrecht zu bleiben. Lass sie alles ertragen, was ihr Amt mit sich bringt.

Die heldenmütige Standhaftigkeit des Täufers erfüllt uns mit Bewunderung. Bis in den Tod bewies er, dass er kein Rohr sei, das jeder Wind hin und her werfen könne. Er war eine eiserne Säule, eine eherne Mauer, die den gewaltigsten Erschütterungen widerstand. Gedenke, o Herr, dass ich aus mir selbst nur schwach und ohnmächtig bin, wenn Du mir befiehlst, wider Deine Feinde zu reden, so gib mir die Kraft von oben, damit ich sie auch besiegen kann.

2. Mörder aus Feigheit

Eilends ging die Tochter des Königs in den Festsaal zurück und sprach: „Ich will, dass du mir sogleich auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers gibst.“ Darüber wurde der König bestürzt. Aber des Eides und der Gäste wegen mochte er sie nicht abweisen. So schickte denn der König sofort seinen Leibwächter hin mit dem Befehl, das Haupt des Johannes zu bringen (Mk 6,25-27). Herodes schätzte den Täufer zweifelsohne hoch, er hatte Furcht vor ihm. Dennoch ließ er ihn enthaupten. Die Hitze des Weines, die Leidenschaft für Herodias, die Gefälligkeit seiner Tänzerin, der Leichtsinn, mit dem er schwor – alles dieses überwand die Achtung, die er vor diesem heiligen Manne hatte. So wurde er zum Mörder wider bessere Einsicht und Neigung.

In welch schrecklichen Abgrund stürzte der Teufel diesen Mann! Vorher hatte er ihn durch Trunk und Vergnügungen berauscht. Das ist die Tyrannei der Leidenschaft, wenn man sich ihr einmal ergeben hat. Bejammernswerte Knechtschaft des menschlichen Herzens in den Banden der Unreinheit!

Welcher Verbrechen wird es nicht fähig, wenn es diesem Laster ergeben ist! Aber das ist nicht die einzige Leidenschaft, die so traurige Folgen hat. Es gibt überhaupt keine Leidenschaft, die nicht zu den schrecklichsten Entartungen führt, wenn sie einmal die Überhand bekommt. Was Unreinheit nicht vermag, das vermag der Hass, das bringen Ungerechtigkeit, Rache und Neid zuwege.

Befreie mich, göttlicher Meister, von solchen Tyrannen. Gestatte ihnen niemals den Eingang in mein Herz! Dieses Herz ist Dein. Du hast Dich gewürdigt, Dir einen Thron in mir zu bereiten. Dulde keinen Tyrannen neben Dir. Es gilt einzig Deiner Ehre. Was mich betrifft, mein Gott, der ich Dir schon längst mein Herz geschenkt habe, bin ich gestützt auf Deine Gnade fest entschlossen, den Besitz meiner Seele zu bewahren. Ich will niemals aufhören, zu wachen und zu kämpfen, bis ich Deine Feinde besiegt habe.

3. Im Feuer erprobt

Betrachten wir noch kurz, wie die göttliche Vorsehung den hl. Johannes führte und wie getreu er dem göttlichen Willen folgte. Bisher war ihm alles gut vonstattengegangen. Er hatte von allen Seiten Beweise der Achtung und des Beifalls empfangen. Nun kam über ihn das Los aller Propheten, dass er durch Leiden geprüft wurde. Gleich dem Golde sollte er im Feuer gereinigt werden. Wie Job sollte er zu den übrigen Tugenden auch noch die Geduld lernen. So ließ denn Gott seine Gefangennahme und seinen Tod zu. Johannes nahm beides in stiller Unterwerfung hin. Wir dürfen glauben, dass er freudig ins Gefängnis ging. Er hat dies unterirdische Gewölbe der Burg in ein Bethaus verwandelt. Er hat da Stunden in froher Beschauung zugebracht, da er seine Ketten küsste und sich gleich dem Apostel Paulus überglücklich schätzte, sie tragen zu dürfen. Ja, es war für ihn die höchste Freude, für die Pflichterfüllung zu sterben.

Handle auch ich wie dieser Mann? War ich so stark in Unglück und Verfolgungen, die ich um der Gerechtigkeit willen zu leiden habe? Bin ich überzeugt, dass es eine Ehre bedeutet vor Gott, Ungemach zu leiden. Ja, dass Gott seine Freunde nur dann so prüft, wenn er die Absicht hat, sie zu einer hohen Vollkommenheit zu führen?

Freu dich demnach, meine Seele, wenn Gott dich prüft. Vergiss die eitle Sprache der Welt, die dasjenige ein Übel nennt, was man für wahres, bleibendes Gut halten soll. Nimm, wie der hl. Johannes, jede Misshandlung der Welt freudig an. „Die Trübsal wirkt Geduld, die Geduld Bewährung, die Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung lässt alle nicht zuschanden werden, die so leiden, dass sie dabei die Liebe in ihrem Herzen tragen, die der Heilige Geist in ihnen ausgegossen hat“ (Röm 5,3-5). Diese Liebe ist ja das Unterpfand der ewigen Seligkeit.

Ich preise dich glücklich, hl. Johannes, dass du nicht nur der Vorläufer der Ankunft Jesu Christi, sondern auch der Vorläufer seines Leidens gewesen bist! Ich freue mich, dass du deiner Berufstreue wegen jetzt in der Glorie bist. Du wurdest beglückt bei deiner Geburt, du wärest glücklicher noch während deines Lebens und überglücklich im Tode. Bitte Gott, der dich so hoch erhoben hat, dass er uns in Gnaden beistehe. Lass uns deinem Beispiel folgen, um auch deiner Glorie teilhaftig zu werden.

(Ludwig de Ponte. Meditationen)

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