Betrachtung zum 3. Advent

Der Vorläufer Johannes legt über sich und über Christus Zeugnis ab

1. Johannes der Täufer steht am Jordanufer von Juden umringt, die Fragen an ihn stellen.
2. Wir bitten Gott um die charakterfeste Wahrhaftigkeit und Demut seines Vorläufers.

1. Der ehrliche Mann

Die Juden fragten Johannes: „Wer bist du? Bist du der Messias?“ Und er bekannte und leugnete nicht, er bekannte: „Ich bin nicht Christus, von dem ihr redet.“ (Jo 1,19-20).

Das ist der ganze Johannes. Er ist wahrhaftig und demütig bis in die Knochen. Man fragte ihn in Hochachtung und Bewunderung, ob er der Messias sei. Er gab aufrechten Bescheid. So steht sein Bild dem abscheulichen Hochmut Luzifers gegenüber, der sich in seinem Wahne Gott gleichstellen wollte. Johannes wurde seiner Demut wegen erhöht, Luzifer in den Abgrund gestürzt. Gern hätte der Satan, der in der Schrift der König der Hochmütigen genannt wird (Job 41,25), die Heiligkeit des Vorläufers zu Fall gebracht. Sicherlich hatte er den Juden den Gedanken eingegeben, den Büßer am Jordan aufzusuchen und ihm zu sagen, wie geneigt sie seien, ihn für den Messias zu halten. Der Teufel glaubte, dass der Ruhm, Gott gleichgestellt zu werden, den Aszeten verblenden würde.

Dieses Kunstgriffes bedient sich der böse Feind gerne, um auch Heilige zu stürzen. Er sieht es gerne, wenn sie zu hohen Würden erhoben und über ihr Verdienst und ihre Kräfte geehrt werden. Aber alle vom göttlichen Licht erleuchteten Männer meiden die Klippe des Hochmutes und nehmen ihre Zuflucht zur Erkenntnis ihrer selbst. Sie entfernen sich soviel sie nur können von allem, was nur den Schein einer Auszeichnung oder eines Vorzuges hat. Je angesehener sie in der Welt sind, desto mehr verdemütigen sie sich nach dem Rate des Weisen und finden so wie der hl. Johannes in ihrer Demut eine sichere Freistätte in allen übrigen Tugenden.

O hl. Johannes, du lehntest es ab, eine Würde zu bekleiden, die nur dem zukam, der größer war als du, und wurdest so von Gott dafür verherrlicht. Erwirb auch mir die Gnade, immer an meine eigene Niedrigkeit zu denken, meine gänzliche Abhängigkeit von Jesus Christus zu erkennen, mich ohne Unterlass an ihn zu halten und nach nichts zu streben als nach der Ehre, Christus als demütiger Knecht anzugehören.

2. Der Gerechte

Die Juden drangen weiter mit Fragen auf Johannes ein: Bist du Elias? Und er sprach: Ich bin es nicht. Bist du ein Prophet? Und er antwortete: Nein, ich bin weder Elias noch ein Prophet“ (Jo 1,21). Zum zweiten Mal bewies Johannes seine Demut. Er hätte behaupten können, er sei der Prophet Elias, weil er seinen Geist besaß, ja weil der Heiland selbst ihn gewürdigt hatte, diesen Namen zu tragen. Da aber die Juden an den wirklichen, leibhaftigen Elias dachten, gab ihnen auch Johannes eine eindeutige Antwort.

Wahrhaft demütige Christen lehnen nicht nur jede Ehrung ab, der sie nicht entsprechen, sondern sie vermeiden auch die Ehrungen, die sie ohne Ungerechtigkeit annehmen könnten. Lobt man sie dennoch, so achten sie nicht darauf. Wie bestimmt und kaltblütig handelt in einer solchen Situation der hl. Johannes der Täufer. Weit entfernt, an den Gesprächen seiner Schmeichler Gefallen zu finden, antwortet der aufrechte Christ so, dass jenen das Wort vergeht. Sie lieben die Verborgenheit mehr als den hellen Tag und behalten sich allen Ruhm für die Ewigkeit vor.

O Sonne der göttlichen Gerechtigkeit, Du hast dem hl. Johannes mit göttlicher Kraft den trügerischen Schein der Ehren dieser Welt gezeigt, Du hast ihn mit Verachtung gegen alle Falschheit erfüllt, erleuchte auch uns, dass wir nicht in die Fallstricke der Schmeichler fallen. Schärfe unser Auge, dass es die Eitelkeit dieser Welt durchschaut.

3. Werkzeug Gottes

Die Fragen der Juden waren noch nicht zu Ende: „Wer bist du denn? Was sagst du von dir selbst, damit wir denen, die uns gesandt haben, Antwort geben!“ Er sprach: „Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste: bereitet den Weg des Herrn, wie der Prophet Isaias gesagt hat“ (Jo 1,22-23).

Johannes sagte kein Wort von dem Glänze seiner Geburt, von dem Ansehen seines Vaterhauses, noch von seiner hohen Würde als Vorläufer Jesu Christi, er sprach überhaupt nicht von sich als einer selbstständigen Größe. Er nannte sich nur eine Stimme, um dadurch zu zeigen, dass er so wie die Stimme in wesentlicher Verbindung mit dem stehe, aus dessen Mund sie ertönt, ja notwendig von ihm abhängt. Alles, was er in seinem Amte sei und an Gutem wirke, komme von dem, dessen Gesandter er wäre, seine ganze Ehre bestehe darin, die Herzen zum Empfange des Messias vorzubereiten.

Wir können von Johannes lernen, die Vorzüge der Natur und des Glückes für nichts zu achten und uns keiner anderen Dinge zu rühmen als der Beziehungen, die wir zu Jesus Christus haben. Sollten wir einmal die Gnaden, die wir von Gott erhalten haben, einem anderen mitteilen, so soll auch das stets in größter Bescheidenheit geschehen.

Verleihe auch mir die Bescheidenheit, die Du Johannes in der Wüste lehrtest, ewiger Vater. Mache mich zu einem Werkzeug Deines Sohnes! Belebe meine Worte, heilige meine Werke, damit alles, was in mir ist, dazu diene, seine Größe anderen zu verkündigen und alle Herzen mit Deiner Liebe zu empfangen!

4. Der starke Held

Warum taufst du denn“, fragten ihn endlich die Juden, „wenn du nicht Christus bist, noch Elias, noch der Prophet?“ „Ich“, antwortete er, „taufe mit Wasser, aber mitten unter euch ist einer, den ihr nicht kennt. Er ist es, der nach mir kommen wird, der vor mir gewesen ist und dessen Schuhriemen aufzulösen ich nicht würdig bin“ (Jo 25,27). Das ist der nächste Akt der Demut, den uns der hl. Johannes in dieser Szene zeigt. Als man ihm das Recht absprach zu taufen, weil ihm doch der entsprechende Auftrag fehle, verteidigte er sich mit keinem Worte, obwohl er das Recht dazu gehabt hätte. Er wollte lieber schweigen als sich seiner Sendung rühmen. Sprach er, so geschah es nur, um in Gegenwart der Priester und Leviten dasjenige zu erhärten, was er schon vor dem Volke zur Verherrlichung Jesu Christi verkündet hatte.

Mein Erlöser, wie sehr hattest Du Recht, wenn Du den hl. Johannes alles andere als ein Schilfrohr nanntest, das vom Winde der Eitelkeit und des Stolzes hin und her getrieben werde. Man konnte gegen ihn unternehmen, was man wollte, er blieb, gestützt auf die grundlegende Erkenntnis seines Nichts, unerschütterlich immer derselbe. Er hatte es beschlossen, sich selbst zu verachten und auf den Trümmern seiner Ehre Dich zu verherrlichen, o Herr! An diesen Zügen erkenne ich Deinen Vorläufer, als er schon anfing jene Demut zu üben, die Du uns zu lehren selber gekommen bist. Präge meinem Herzen die Liebe zu dieser vortrefflichen Tugend ein, damit sie jene Gnaden auf mich herabziehe, die Dein himmlischer Vater den Demütigen verleiht, den Hochmütigen aber versagt.

(Ludwig de Ponte. Meditationen)

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