Weihnachtsmensch

(von Alexander Kissler)

Jahr um Jahr schrieb Gilbert Keith Chesterton eine Weihnachtsbetrachtung, mindestens eine. Chesterton war ein Mensch der Freude, und also musste er ein Weihnachtsmensch sein. Er war ein Mensch voller Abgründe, und also musste er ein Weihnachtsmensch sein. Er war ein Mensch der Hoffnung und musste auch darum ein Weihnachtsmensch sein. Seine letzte Betrachtung wurde am 28. Dezember 1935 in der englischen Ausgabe der „Illustrated London News“ veröffentlicht. Es war ein Plädoyer für ein „Abschieds-Dankfest nach dem Weihnachtsfest“, das am 28. Dezember eben keineswegs vorüber sei. Eines „der seltsamsten Dinge in unserer eigenen, auf dem Kopf stehenden Zeit“ sei der Umstand, „dass wir alle eine solch riesige Menge über Weihnachten hören, kurz bevor es kommt, und hinterher plötzlich gar nichts mehr.“ Dagegen, schlug Chesterton vor, könne jeder aufbegehren und künftig seinen Freunden „einen Nach-Weihnachts-Gruß schicken“. Damit die Freude nicht vor der Zeit stirbt. Damit die heiligen Drei Könige noch den Grund für ihr Kommen vorfinden. Damit die verrückte Ordnung der Moderne vom Kopf auf die Füße gelangt. Im Leben und in der Kunst, mahnte Chesterton 1908, bedeute, „nur ,modern‘ zu sein, sich zu einer endgültigen Beschränktheit zu verdammen, genauso wie man sich endgültig altmodisch macht, wenn man seinen letzten Pfennig für den allerneusten Hut ausgibt.“ Glücklich der Mensch, der wisse: „Alle neuen Ideen stehen in alten Büchern“. Vollends im Glauben mache der Hang zur Modernität unfroh. „Moderne Theologie“ war für Chesterton ein Widerspruch in sich. Als modern galt zu Chestertons Zeit der Glaube an den ewigen Fortschritt des Menschengeschlechts wie auch an dessen evolutionäre Herkunft. Modern war der Sammelbegriff für Weltanschauungen, die fest davon überzeugt sind, dass alles aus allem hervorgehe, jedes Geschehen im Fluss sei und einem geraden Weg der „Fortentwicklung und höherer Moral“ folge. Den stärksten Einspruch gegen diese Ideologie formuliere Weihnachten. In seiner knappsten Betrachtung, 1925 entstanden, fasst Chesterton die Botschaft von Weihnachten schlicht zusammen: „Etwas ist geschehen.“ Die „dramatische und krisenhafte Seite dieses Festes“ hänge damit zusammen. Ein einmaliges Ereignis fand statt im Stall zu Bethlehem, das weder wiederholt werden kann noch veraltet, das keinen Vorgänger kennt und keinen Nachfolger haben wird. Die Modernen können damit nichts anfangen, weil sie Evolutionisten sind und sich nur Prozesse vorstellen können und keine unwiderruflichen Ereignisse. Deshalb sei den Modernen die Freude am Weihnachtsfest verstellt. Heute, mag man einwenden, haben sich die Dinge anders verkehrt. Ereignisse jagen einander so rasch, dass sie den Sinn für Kontinuitäten und Entwicklungen schwächen. Dennoch: Weihnachten ist der Ernstfall. Weihnachten ruft uns die Krise eines nur menschlichen Zeitbegriffs dramatisch ins Gedächtnis. Wenn damals wirklich etwas geschehen ist, dann werden die Herren dieser Welt dieser Welt nie Herr. Dann haben wir allen Grund, frohe Weihnachtsmenschen zu werden.

Quelle: DIE TAGESPOST 20.12.2018

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