Betrachtung zum 4. Advent

Das Leben und Wirken des hl. Johannes des Täufers

Wir stellen uns den hl. Johannes in der Wüste und an den Wassern des Jordan vor und bitten den Heiligen Geist um die Gnade, die Tugenden dieses großen Mannes nachahmen zu können.

1. Der Mann der Stille

Johannes der Täufer ging schon in seiner frühesten Jugend in die Wüste. Er übte dort vier herrliche Tugenden, die der Grund der Vollkommenheit sind.

Die erste Tugend war die Buße. Sie ist bei dem jungen Mann umso bewunderungswerter, als er von keiner Seite aufgefordert wurde, ein so strenges Leben zu führen. War er doch schon im Leibe seiner Mutter geheiligt und hatte niemals einen bedeutenden Fehltritt begangen. Trotzdem lebte er bei all seiner Heiligkeit in strenger Buße. Er verzehrte Heuschrecken und wilden Honig, kleidete sich mit einem Tierfell, trug einen ledernen Gürtel um seine Lenden.

Eine Grotte oder ein Felsenloch war seine Wohnung. Tag und Nacht weilte er im Gebete vor Gott. Dieses ständige Gebet war die zweite Tugend, die er übte. So war der Heilige Geist der Herr seines inneren Lebens. Dieser Geist hatte ihn in die Wüste geführt. Dieser Geist sprach zu ihm im Innersten seiner Seele und beschäftigte ihn mit der Betrachtung göttlicher Dinge.

Ungeachtet des Kampfes, den der Feind der Heiligkeit auch ihn bestehen ließ, verharrte er in dieser Lebensweise mit einer Standhaftigkeit, die die dritte seiner Tugenden, vielleicht die bewunderungswürdigste war. Aushalten können, das ist die größte Kraft der heiligen und strebsamen Menschen.

Die vierte Tugend endlich, die man gleichsam als die Frucht der drei vorhergehenden betrachten kann, war eine engelgleiche Reinheit.

So schritt der große Mann immer folgsam auf dem Wege der Gnade vorwärts. Er machte das Wort des Evangelisten, das später über ihn geschrieben werden sollte, wahr: „Er wird vor ihm hergehen mit dem Geiste und der Kraft des Elias, um die Herzen der Väter wieder ihren Kindern zuzuwenden, die Ungehorsamen zur Gesinnung der Gerechten zu drängen und dem Herrn ein williges Volk zu bereiten“ (Lk 1,17).

Die Zurückgezogenheit, meine Seele, ist ein an allen Tugenden fruchtbares Feld, zumal wenn man den Mut hat. solange in dieser Stille zu verharren, wie Gott es will. Blei ben wir in der Einsamkeit, im Gebete und in der Buße, sie wird für uns ein Berg an Myrrhe und ein Weihrauchhügel sein, darauf wir Gott beständig Opfer darbringen und zum Lohne dafür zu einer Reinheit des Herzens gelangen, die uns fähig machen wird, mit den Engeln Umgang zu pflegen. Wir werden dadurch so an Tugend wachsen, wie der Morgenstern immerzu bis zum hellen Tage wächst.

Nur Du kannst uns den Armen der Welt entreißen, o göttlicher Geist, Du kannst uns in die Einöde führen und uns die Erkenntnis göttlicher Dinge geben. Du kannst uns zur Übung der Tugenden Deines Vorläufers aneifern. Wir bitten Dich demütig um diese Gnaden und überlassen uns ganz Deiner göttlichen Leitung.

2. Der Wegbereiter

Johannes verließ seinen Aufenthalt und ging an das Ufer des Jordan, um die Bußtaufe zu predigen. Warum brach Johannes plötzlich aus seiner Einsamkeit auf? Wie alt mag er zu jener Zeit gewesen sein? Wie erfüllte er seine Pflicht und welche Früchte zeigte sein Wirken? Das ist reichhaltiger Stoff zum Nachdenken, besonders ist er für jene nützlich, die Gott zum Dienste seiner Ehre und zur Seelsorge berufen hat.

1. Johannes verließ nicht aus Überdruss die Wüste. Noch viel weniger geschah es aus bloßem Eigenwillen. Der Heilige Geist führte ihn in die Stille und führte ihn unter die Menschen. Er hatte ihn in der Einöde geschult, um das Wort Gottes auf den Straßen der Menschen zu verkünden. Mein Gott, wie glücklich ist der Mensch, der von den Händen eines so großen Meisters geleitet wird! Steht man einmal unter der Leitung des Heiligen Geistes, so muss man auch seine Absichten sorgfältig zu erkennen suchen, ohne ihnen durch übereilte Ungeduld unter dem Vorwand des Eifers zuvorzukommen.

2. Johannes wurde also aus einem Einsiedler ein Volksprediger. Er hatte in der Stille das Wort Gottes in sich reifen lassen, um es nun laut zu verkünden. Er war in die Geheimnisse Gottes eingedrungen, um sie den Menschen zu offenbaren. O Herr und Gott der Liebe, Du hast während so vieler Jahre das Feuer der Liebe im Herzen des hl. Johannes entzündet, damit er die Flammen nach außen verbreite, gib auch mir diese Liebe. Kann man sich wohl zurückhalten und unter den Menschen erscheinen, ohne sie zur Liebe zu ermuntern, wenn man Dich, mein Gott liebt?

3. „Tuet Buße!“ rief der Vorläufer allen zu, die um ihn versammelt waren (Mt 3,2). Johannes behandelte nicht alle seine Zuhörer gleich. Er gleicht sich den Verschiedenheiten der Herzen an. Die verstockten Pharisäer und Sadduzäer bedroht er, vom Geiste des Elias beseelt. Das Volk dagegen, die öffentlichen Sünder und die Soldaten behandelte er milde. Alle, die geneigten Herzens waren, führte er mit der Sanftmut eines Moses. Nichts ist sanftmütiger und großmütiger als die Liebe. Sie mag sich im Donner zeigen oder im Tau herabträufeln, sie bleibt sich immer gleich und hat keinen anderen Zweck als die Bekehrung der Seelen.

4. Die größte Stütze des hl. Johannes im Dienste des Herrn war nicht seine Wunderkraft, sondern seine Heiligkeit. Das große und einzige Wunder, das dem hl. Johannes so viele Zuhörer verschaffte und seine Worte fruchtbar machte, war seine erstaunliche Lebensweise. Göttlicher Geist, rufe doch stets solche Johannesseelen in Deiner Kirche hervor, erwecke wahre Nachfolger seines Eifers und seines Lebens. Gib uns Prediger, die durch ihr Beispiel das bekräftigen, was sie mit Worten lehren. Mache sie zuerst selbst heilig, damit sie dann andere zur Heiligkeit führen können.

3. Ich muss abnehmen

Das Leben und die Predigten des hl. Johannes hatten ihm unter dem Volke eine so hohe Achtung erworben, dass man ihn für den wirklichen Messias hielt. Sobald der Vorläufer diesen Irrtum bemerkte, beseitigte er ihn, indem er über seine Person keinen Zweifel ließ. „Ich taufe nur mit Wasser“, erklärte er allen, „es kommt aber einer, der mächtiger ist als ich. Ich bin nicht würdig, auch nur seine Schuhriemen aufzulösen. Er wird euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen“ (Lk 3,16). In diesen Worten liegen drei große Beweise der Demut des Heiligen.

Der erste Beweis liegt darin, dass ihn weder sein strenges Leben, noch die besonderen Gnaden des Himmels, noch der ausgezeichnete Ruf, den er sich erworben, stolz machten. Wie wenig braucht es bei uns, dass wir uns etwas einbilden!

Zum zweiten beweist Johannes seine Demut dadurch, dass er die Wahrheit auf Kosten seiner Ehre und zur Ehre des Gottessohnes nicht verschweigt. Ja, er verkündigt laut, dass er nichts im Vergleich mit Christus sei. Er sei nicht einmal würdig, ihm den geringsten Dienst zu erweisen. Wie selten weisen wir ein Lob zurück, selbst wo es nicht verdient ist! Wie noch weit seltener gibt man jenen die Ehre, denen sie gebührt, zumal dann, wenn es zu unserem eigenen Nachteile gereicht.

Der dritte Beweis für die Demut des hl. Johannes liegt darin, dass er seine eigene Taufe hinter der Taufe Jesu Christi zurückstellt. Meine Taufe, sagt er, ist nur eine gewöhnliche Taufe mit Wasser, der aber nach mir kommt, den ihr nicht kennt, der hat eine andere Taufe, er wird euch seinen Heiligen Geist in dieser Taufe mitteilen.

So macht man es, mein Gott, wenn man wahrhaftig demütig ist. Je mehr man von der Welt geachtet wird, desto weniger muss man sich selbst achten. Man erscheint in seinen eigenen Augen ebenso klein und verachtungswert wie man in den Augen der Menschen groß angesehen wird. Gern setzt man sich zu den Füßen anderer und bezieht alle Ehre, die man empfängt, in Gerechtigkeit und Wahrheit auf jenen, der der Grund und die Quelle aller Ehre ist, Gott der Herr.

Schämen wir uns, mein Christ, dass wir dem großen hl. Johannes so wenig ähnlich sind. Wir gereichen Gott und den Menschen zur Verachtung und bilden uns dennoch ein, etwas zu sein. Wir geben uns selbst einen Vorrang vor anderen, die viel mehr wert sind als wir. Und während wir gar nichts Erhebliches für Gott tun, berauben wir ihn noch der wenigen Ehre, welche er aus unserem geringen Dienste ziehen konnte.

Großer hl. Johannes, der du dich erniedrigtest, indes Himmel und Erde sich gleichsam um die Wette bemühten, dich zu erheben, erbitte mir eine heilige Demut. Du hast sie in so hohem Maße besessen. Ich habe sie dringend notwendig, weil ich durch meinen Stolz die himmlischen Gaben zu verlieren fürchte, die mir der Herr in seiner Barmherzigkeit geschenkt hat.

(Ludwig de Ponte. Meditationen)

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