Betrachtung zur Geburt unseres Herrn

Wir stellen uns den Stall zu Bethlehem vor und betrachten den neugeborenen Erlöser der Welt in der Krippe. Wir bitten um die Gnade, die Wirkungen seiner heiligen Geburt an uns zu erfahren.

1. Siehe, ich komme, Deinen Willen zu erfüllen

Die Zeit, die Gott von Ewigkeit her zur zeitlichen Geburt seines Sohnes bestimmt hatte, war gekommen. Unser Heiland hatte sich geduldig in diese Stunde gefügt. Er war ihr weder zuvorgekommen, noch hatte er sie verschoben. Dann aber erhob er sich wie ein Riese, seinen Weg zu laufen (Ps 18,6), der ihm von der Wiege bis zum Kreuze eröffnet war.

O anbetungswürdiges Kind, wie viele Kreuze wirst Du finden, bevor Du jenem begegnest, auf dessen Armen Du Deinen Lauf vollenden sollst! Welche Ergebung in den Willen Deines Vaters, der Dir genau vorgezeichnet ist, findet sich bei Dir! Wie sehr muss mich der Gedanke packen, hier einen untertänigen Gott zu sehen, untertänig den strengen Beschlüssen eines Vaters, der die Empörung seiner Knechte am eigenen Sohne rächt!

Durch seine Ankunft in der Welt zu der vom Vater bestimmten Stunde, da er das Heiligtum unter dem Herzen seiner Mutter verließ, schenkte unser Heiland Maria ein Übermaß himmlischer Schätze, einen Überfluss an Gnaden, der sich leichter betrachten als beschreiben lässt.

O liebenswürdigster Jesus, mit welchen Gnaden wirst Du unser Herz erfüllen, wenn wir Dich in der heiligen Kommunion empfangen und Deiner Gnade kein Hindernis entgegensetzen! Findest Du in unserer Seele eine Tugend, die mit jener der gebenedeiten Jungfrau auch nur entfernte Ähnlichkeit hat, so wirst Du gewiss ihren Glanz vermehren, so wie Du die Tugend Deiner heiligen Mutter vollkommener machtest.

2. Das Geheimnis der Weihnacht

Da die seligste Jungfrau wusste, dass die Geburt Jesu herannahe, erwartete sie in zurückgezogener Einsamkeit, in tiefer Betrachtung den wichtigen Augenblick. In höchstem Glück schenkte sie jenen der Welt, der ihr Befreier war. Unaussprechliche Liebe und Ehrfurcht durchdrang ihr Herz. Sie betete jenen als ihren Gott an, den sie als ihren Sohn liebte. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter umfing sie ihn. Sie nahm das göttliche Kind auf ihre Arme und an ihr Herz. Sie küsste es voll Ehrfurcht, und Tränen der heiligsten Freude rollten aus ihren Augen. Ehrfurcht und Liebe sollten deine Empfindungen sein, mein Christ, wenn du das Glück hast, denselben Heiland zu besitzen. Ehrfurcht und Liebe sind die Hände, die du ihm reichen sollst.

Nachdem Maria dem ersten Drang ihrer Liebe Genüge getan hatte, war sie um die Erfüllung ihrer Mutterpflichten bekümmert. Sie wickelte das göttliche Kind in Windeln und legte es in die Krippe. Welch ein Schmerz für die liebevolle Mutter, den eingeborenen Sohn Gottes, ihren Schöpfer und Erlöser, in eine arme, der Würde seiner Person so wenig angemessene Wiege legen zu müssen! Wie sehr musste sie staunen, Gott in einem so bescheidenen Zustande zu erblicken! Wie sehr musste sie von Dankbarkeit durchdrungen sein, dass ihr Schöpfer sie zu seiner Mutter gewählt hatte. Mit welcher Hingabe opferte sie sich seinem Dienste! Und der hl. Joseph vereinigte seine Huldigung, Liebe und Zärtlichkeit mit jener seiner gebenedeiten Braut.

Werfen wir uns mit Maria und Joseph zu den Füßen des Jesuskindes nieder und beten wir mit ihnen das menschgewordene Wort an. Es hat sich ja aus Liebe zu uns in so wunderbarer Weise herabgelassen. Wir lieben es, wir bewundern es. Wir danken ihm in Demut für eine so unaussprechliche Gnade. Wir bringen ihm aus Dankbarkeit uns selbst zum Opfer dar und sprechen mit aller Zärtlichkeit unseres Herzens: „Liebenswürdiger Erlöser, was soll ich tun, um Deiner großen Güte zu entsprechen? Hätte ich doch in jener Stunde zu Bethlehem sein können, um euch beizustehen und euch zu dienen. Lass mich Dir mit Leib und Seele zu Diensten sein. Verfüge über mich nach Deinem Wohlgefallen!

3. Sanftmütig und demütig von Herzen

Welche Wunder sind hier zu betrachten, welche Tugendbeispiele stehen im neugeborenen Heilande in allen Umständen seiner Geburt vor unseren Augen! Jener, der im Himmel thront in unnahbarer Herrlichkeit mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, umgeben von Cherubinen und Seraphinen, die ihr Angesicht bedecken, er steigt auf diese Erde hernieder, wird als armes Kind geboren, liegt auf Stroh und teilt seine Wohnung mit dem Vieh der Menschen. Wo ist sein Hab, wo ist sein Gut? Er hat sich aller Herrlichkeit beraubt, um seinen Vater zu ehren und uns zu erlösen. Unser Herr schaut aus der Krippe hinauf zum Vater, um ihn zu preisen, er schaut auf uns, um uns Demut zu lehren. Er übt Entsagung und Demut vom Tage seiner Geburt an.

Hörst du, meine Seele, die Stimme des göttlichen Kindes, in dessen Umgebung alles predigt: „Die Windeln, die Krippe, der Stall als Sinnbilder der Demut?“ Lernet von mir, sagt es, „denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“ (Mt 11,29).

O Gott, welch große und inhaltsschwere Lehre! Aber wie wenig erkennt man sie, und noch weit weniger lebt man nach ihr! Der ewige Vater wollte uns zur Liebe dieser göttlichen Tugenden bewegen. Er stellte uns daher in seinem eigenen Sohne das Muster vor. Er erklärte uns, dass wir keinen Teil an seinem Reiche haben würden, wenn wir seinen Sohn nicht zu unserem Vorbild machten. Wir sollen die Tugenden seiner heiligen Kindheit uns aneignen und das Gepräge derselben in uns tragen. Wenn ich heute vor Dir erscheinen müsste, mein Herr und Richter, wie beschämt stünde ich da, weil ich Dir, Du demütiges Kind in der Krippe, so wenig ähnlich bin!

(Ludwig de Ponte. Meditationen)

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