Der Unterschied zwischen einem bösen und einem guten Willen.

(nach dem heiligen Bernhard von Clairvaux)

Geschaffen für einen freien Willen, gehören wir in einem gewissen Maße uns selber, wir werden sozusagen Eigentum Gottes durch den guten Willen.

Nun aber macht der den Willen gut, der ihn als frei geschaffen hat.
Und er macht ihn dazu gut, daß wir die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien. Denn es wäre für uns sicherlich vorteilhafter, überhaupt nicht gewesen zu sein, als immer uns selber zu gehören. Die sich nämlich selber gehören wollten wie Götter, die das Gute und das Böse wissen, gehören nicht allein sich selber, sondern dem Teufel.

Daher bewirkt der freie Wille, daß wir uns selber gehören,
der böse Wille, daß wir dem Teufel gehören,
der gute Wille, daß wir Gott gehören.

Darauf bezieht sich das Wort: „Der Herr kennt die Seinen.“ (2Tim 2,19) Denn diesen, die ihm nicht gehören, sagt er: „Amen, ich sage euch: ich kenne euch nicht.“ (Mt 25,12)

Solange wir also durch den bösen Willen dem Teufel gehören, gehören wir in dieser Zeit gewissermaßen nicht mehr Gott, so wie wir aufhören, noch dem Teufel zu gehören, wenn wir durch den guten Willen Gottes Eigentum werden. Denn „niemand kann zwei Herren dienen.“ (Mt 6,24)

Ob wir im übrigen entweder Gottes oder des Teufels sind, wir hören doch nicht zugleich auf, Herren unserer selbst zu sein. Denn es bleibt ja in beiden Fällen die Freiheit des Willens, so daß dadurch auch der Grund des Verdienstes bleibt.

Deswegen werden wir entweder mit Recht als böse bestraft, denn böse werden wir als Freie, auf Grund des eigenen Willens.
Oder wir werden als Gute verherrlicht, weil wir (solche) in gleicher Weise nur mit unserem freien Willen sein können.

Gewiß macht uns unser Wille dem Teufel zu eigen, nicht seine Macht.
Gottes Gnade aber unterwirft uns Gott, nicht unser Wille.

Denn unser Wille ist gut, was wir zugeben müssen, da er vom guten Gott geschaffen ist; vollkommen aber wird er nicht sein, ehe er seinem Schöpfer vollkommen unterworfen ist.

Damit dürfen wir aber nicht uns selbst unsere eigene Vollkommenheit zuschreiben und Gott nur die Schöpfung, da es wahrlich weitaus besser ist, vollkommen zu sein, als geschaffen zu sein.

Gott zuzuschreiben, was geringer ist, uns aber, was hervorragender ist, scheint durch das Wort allein schon ein Frevel zu sein. Der Apostel verstand, was er von Natur ist und was er von der Gnade erwarten dürfe.
Darum sagte er:

„Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag (das Gute) nicht zu verwirklichen.“ (Röm 7,18)

Er wußte gewiß, daß er das Wollen besitzt auf Grund des freien Willens, aber daß er die Gnade notwendig habe, um das Wollen selbst in Vollkommenheit zu besitzen.

Wenn nämlich der böse Wille ein gewisser Mangel des Willens ist, dann wird gewiß der gute Wille ein Fortschritt desselben sein, seine Vollkommenheit wird aber darin bestehen, alles Gute, das wir wollen, verwirklichen zu können.

(Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke Bd.1.
Über die Gnade und den freien Willen. 201f)

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