Hermann der Lahme und das Salve Regina

Herimannus Contractus, Hermann der Lahme, genauer übersetzt: der Krüppel (1013-1054), war im Mittelalter hochberühmt als vielseitiger Gelehrter und begeisternder Lehrer der Klosterschule auf der Reichenau; sein Andenken blieb lebendig, weil ihm das SALVE REGINA zugeschrieben wurde, eine Kostbarkeit mittelalterlicher Dichtung.

Den Sproß eines mächtigen schwäbischen Grafengeschlechts, körperlich untauglich zu einer standesgemäßen Karriere, brachte man 1020 im Kloster Reichenau unter und eröffnete ihm so die Möglichkeit, trotz seiner Gebrechen ein sinnerfülltes Leben zu führen: Er konnte durch Gebet und Aufopferung seiner Leiden heiligmäßig wer-den, oder aber in Bibliothek und Klosterschule seine geistigen Fähigkeiten ausbil-den und nutzbar machen. Hermann ergriff entschieden die zweite Möglichkeit und führte trotz seiner Behinderung ein aktives Leben als erstaunlich vielseitiger Gelehrter (Historiker, Mathematiker, Astronom, Instrumentenbauer, Musiktheo-retiker), als Dichter und Komponist. Er wollte sich möglichst viel Welt erschließen und nicht hinter Menschen mit gesunden Gliedern zurückstehen, eine heroische Leistung für einen Mann, der fast ganz bewegungsunfähig war und nicht einmal ein Buch halten konnte.

Seine geistlichen Dichtungen – Hymnen und Antiphonen, darunter eine Kreuzes- und eine Osterhymne und „Alma redemptoris mater“ – zeugen von tiefer Frömmig-keit, die ja kein Widerspruch zu Verstandesklarheit und Willensstärke ist. Ein Lehr-gedicht, das er für die Nonnen in Buchau verfaßte, beweist, daß dieser Mann zu all seinen Fähigkeiten auch noch eine seltene Gottesgabe besaß, nämlich Humor.

Sein Schüler Berthold, der Hermanns Geschichtswerk fortsetzte, hinterließ eine kurze, dichte Biographie seines verehrten Lehrers. Die Analyse dieses Textes, insbe-sondere der Träume, die Hermann kurz vor seinem Tod hatte – die Traumdeutung nach Erkenntnissen moderner Psychologie führt in seinem Fall zu überzeugenden Ergebnissen – zeigt das eindrucksvolle Bild eines unermüdlich tätigen, leistungs-orientierten Menschen, der sich nicht auf den Bereich theoretischer Wissenschaft und die Klosterschule beschränkte, sondern auch als Vordenker auf die große Politik des Reiches Einfluss nehmen wollte.

Hermann hatte ein besonders enges Verhältnis zu seiner Mutter Hiltrud; neben ihr wollte er in Altshausen begraben werden. Sein Grab ist verschwunden, die Echtheit eines in Altshausen bewahrten Schädelfragments zweifelhaft. Um 1630 ist die Ver-ehrung von Hermann-Reliquien noch bezeugt; 1790 ist es damit vorbei, schon die um 1750 neu ausgestattete Kirche in Altshausen erinnert nicht mehr an ihn. Ein Ende mit dem Hermann-Kult machte – außer in Veringenstadt – vermutlich die Auf-klärung, die manche traditionellen und volkstümlichen Formen der Frömmigkeit in die Nähe des Aberglaubens rückte und bekämpfte. Neuere Forschung hat den faszi-nierenden Menschen und Wissenschaftler mit erstaunlich modernen Zügen wieder entdeckt.

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Geblieben ist uns von Hermann dem Lahmen das SALVE REGINA; hier in der ältesten erhaltenen Fassung:

Salve, regina misericordiae,
Vita, dulcedo et spes nostra, salve.
Ad te clamamus exsules filii Evae,
Ad te suspiramus gementes et flentes
In hac lacrimarum valle.
Eia ergo, advocata nostra,
Illos tuos misericordes oculos ad nos converte
Et Jesum, benedictum fructum ventris tui,
Nobis post hoc exsilium ostende,
O clemens, o pia O dulcis Maria.

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