Der Schüler über den verkrüppelten Meister

Hermanns Schüler Berthold schreibt über seinen Lehrer und Mitbruder Hermann:

„Er war derart durch die Grausamkeit der Natur an den Gliedmaßen verrenkt, dass er sich von der Stelle, auf die man ihn niedersetzte, nicht ohne Hilfe wieder weg-bewegen, noch sich auf die eine oder die andere Seite wenden konnte.“

Wir wissen nicht, ob alle Benediktiner der Reichenau Bertholds Ansicht geteilt haben oder ob er deswegen expressis verbis von der Grausamkeit der Natur gesprochen hat, um eben anders denkende Mitbrüder von seiner Denkweise zu überzeugen. Jedenfalls haben wir heute die größte Achtung vor dem natur-wissenschaftlichen Denken der Reichenauer Mönche. Schließlich war das Kloster im Bodensee um diese Zeit ja aber auch die „Elite-Universität“ im damaligen Mitteleuropa.

Wenn Hermann der Lahme als Autor des Salve Regina noch im 11. Jahrhundert übermittelt worden war, dann durfte dieses Wissen wegen der Ächtung der Behinderten nicht aufrecht erhalten werden. Es mussten als Autoren des Salve Regina repräsentative Männer der Kirche gefunden werden, auch wenn diese sich bei näherem Hinsehen als völlig unwahrscheinlich herausstellten.

Die erste „Zuschreibung“ des Salve Regina an Hermann den Lahmen, allerdings in versteckter Form, stammt von Johannes von Viktring (*um 1270 + 1347), seit 1307 Abt in Viktring (Kärnten), Verfasser einer Chronik. Man fragt sich, warum Johannes als Chronist sich nicht ganz offen für die Autorenschaft Hermann des Lahmen einsetzt und kann dies nur mit der damaligen offiziellen Meinung der Kirche zu Behinderten erklären. Diese Meinung teilte Johann von Viktring möglicherweise nicht und wollte deswegen wenigstens „durch die Blume“ doch Hermann den Lahmen als Autor des Salve Regina ansprechen.

[Berschin] zitiert die Hermann-Legende des Johannes von Viktring:
„Zu dieser Zeit stand in Deutschland Hermann der Lahme auf seinem Höhepunkt, ein Mann vornehmer Abstammung, der sich in Paris in der Hoffnung auf höchste Würden mit dem Studium plagte, aber wegen seines schwerfälligen Geistes nicht vorankam. Als er sah, dass arme Leute niederen Standes hohen Rang in der Wissenschaft erreichten, schmerzte ihn das heftig und er vertraute sich voll Eifer kniefällig der heiligsten Jungfrau an, die den Schlüssel zu den Wissens- und Weisheitsschätzen Gottes hat, und jammerte tags und nachts, dass er nicht beschämt und bar jeden Wissens zu seinen Freunden und in sein Vaterland zurückkehren müsse. Die Jungfrau, von der man weiß, dass sie milde, gütig und süß ist (clemens, pia et dulcis) und allen im Überfluss gibt, bot ihm folgendes an: entweder überfließendes Wissen verbunden mit einer Auflösung seiner Glieder oder körperliche Gesundheit mit geistiger Schwerfälligkeit wie zuvor. Letzteres verschmähte er und fand seine Freude an der Weisheit.“

+

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s