Der zentrale Punkt: die Liebe – oder: die Versuchung lau zu werden

Der zentrale Punkt: die Caritas, die Liebe!

Wiederum hat Mauro-Giuseppe Lepori, der Generalabt der Zisterzienser, allen Mitglieder des Ordens mit seinem diesjährigen Pfingst-Brief einen Spiegel vorgehalten. Er schreibt, wie er bei seinen Besuchen in den Klöstern des Zisterzienserordens die Kommunitäten vorfindet. Erschütternd. Doch diese Beschreibung gilt nicht nur für die Mönche und Nonnen hinter Klostermauern. Auch UNS wird ein Spiegel vorgehalten. Der Generalabt erteilt nun praktische wie geistliche Aufgaben. Auch wenn seine Worte in dem Brief nicht an Laien gerichtet sind, so dürfen sich dennoch alle angesprochen sehen, die sich dem Ruf Jesu in die Nachfolge Christi verpflichtet fühlen.

(Ausschnitte aus dem Brief)

Die Probleme, mit denen wir heute im Leben unserer Berufung konfrontiert werden, sind vielfältig und nicht neu. Die ständige Auseinandersetzung mit diesen Problemen, wie auch der Umstand, dass uns der Wunsch nach Einheit und der Auftrag, nach Lösungen zu suchen, häufiger zusammenführen, machen eine entscheidende Frage immer drängender: Was vereint uns? Warum gehen wir einen gemeinsamen Weg? Sind es wirklich die Probleme, die Schwierigkeiten, die Schwächen, die uns verbinden? Sind es nur die kanonischen Gesetze, die Pflichten, die wir mit unseren Gelübden auf uns genommen haben? Ist es nicht etwas viel Tieferes?

Diese Frage wird in dem Mass akuter, wie wir uns bewusst werden, dass uns eben nicht diese Faktoren und nicht nur die Aufgabe, die Schwierigkeiten anzugehen und durchzustehen, tatsächlich verbinden. Viele meiden die Gemeinschaft unter uns oder fliehen vor ihrer eigenen Gemeinschaft, gerade um den Problemen auszuweichen, oder weil sie eine nur auf Gesetz gegründete Treue und durch Gelübde eingegangene Verpflichtung nicht mehr ertragen.

Mitten in dieser Situation, in der die Zahl derer, die mit Freude Verantwortung im Orden, sein Charisma, seine Berufung und Sendung anzunehmen bereit sind, immer geringer wird, ist es, als würde der Briefträger an unserer Türe läuten und uns einen Brief aushändigen, der vor 900 Jahren abgeschickt wurde. Das Datum des Poststempels erstaunt uns: 23. Dezember 1119!

Voller Erwartung und Neugierde öffnen wir und entdecken, dass es ein Liebesbrief ist. Was für eine Überraschung! Wir erröten, denn schliesslich sind wir nicht gewohnt, solche Briefe zu bekommen. Beim Lesen überrascht uns seine Frische. Er ist 900 Jahre alt und erstaunlich aktuell, so passend für uns heute! Woher hat er dieses immer Neu-sein? Es kommt davon, dass er die Liebe, die Caritas ins Zentrum stellt. So lässt er uns verstehen, wie wir den Schwierigkeiten und Problemen begegnen können, vor allem aber, wie wir unsere Berufung und Sendung leben können, wenn wir in diesem Zentrum verankert sind und es das Licht ist, das unser Zusammensein und unsern Umgang mit den schwierigen Situationen erleuchtet.

Eine grundsätzliche Frage

Die Carta caritatis stellt uns somit eine grundsätzliche Frage: Leben wir unsere Berufung im Licht der Caritas? Leben wir sie mit Liebe? Gehen wir den gemeinsamen Weg in Liebe? Sind wir eins in der Liebe? Leben wir unsere Zugehörigkeit zum Orden als Gemeinschaft der Liebe?

Wenn ein Verliebter seiner Erwählten einen Liebesbrief schreibt, dann erklärt er ihr vor allem seine Liebe und bittet sie darum, dass auch sie ihm ihre Liebe ausdrücke. Uns ist wohl das feine Gespür für so etwas abhanden gekommen. Wir täten aber gut daran, die grundlegenden Texte unseres Glaubens und unserer Berufung gerade wie eine Liebeserklärung zu lesen, die auf unsere Liebeserklärung wartet. Ist nicht die Heilige Schrift, ist nicht das Evangelium eine Liebeserklärung? Sind das nicht auch die Benediktsregel oder die Werke unserer Autoren? Und gerade das ist die Carta caritatis des heiligen Stephan Harding und seiner Zeitgenossen.

Wir müssten es eigentlich deutlich spüren, dass wir geliebt, dass wir privilegiert sind, wenn wir einen Text in der Hand haben, der sich seit 900 Jahren darum bemüht uns zu zeigen, wie wir voll und ganz unsere Berufung leben können, und uns dafür Ratschläge und die geeigneten Mittel gibt: Zeiten gemeinsamen Lebens, gemeinsamen Betens gemeinsamer Ausbildung, Gesten gegenseitiger Zurechtweisung, um uns ständig zu läutern von unserer Tendenz, die „erste Liebe“ erkalten zu lassen, lau zu werden gegenüber unserer fundamentalen Berufung, nämlich „der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen“ (RB 4,21).

Die Versuchung lau zu werden

Was ist Lauheit, diese Lauheit der Kirche von Laodikia, die Christus so anwidert, dass ihn davor ekelt (vgl. Offb 3,15-16)? Lau sein, weder warm noch kalt, heisst, sich an die Temperatur der Umgebung anzupassen. Lauheit ist die Temperatur der Welt. Lau sein bedeutet im Grunde sich nach der Welt richten. Es ist niederschlagend zu sehen, wie leicht wir uns an die Welt, an ihre Eitelkeit anpassen in allem, was uns im Gegenteil eine andere Temperatur geben sollte selbst bei der Verrichtung von Dingen, die auch alle anderen tun: Gebet, Arbeit, Erholung, menschliche Beziehungen … Lauheit ist die Versuchung, in die wir leicht hineinschlittern, weil die Glut des Heiligen Geistes etwa so verlorengeht, wie ein Kaffee erkaltet oder ein erfrischendes Getränkt sich erwärmt: Allmählich gleicht sich die Flüssigkeit, die nicht frisch erwärmt oder abgekühlt wird, der Raumtemperatur an und verliert ihren Geschmack und wir das Vergnügen, sie zu trinken.

Diese Erfahrung machen wir alle. Wir verlieren den Eifer, die Begeisterung, die Freude an unserer Berufung. Wir verlieren den Geschmack an dem, was uns einmal angefeuert hat, z.B. den Geschmack am Wort Gottes oder am Gebet, oder den Geschmack am brüderlichen Leben, oder den Geschmack am Dienst für die Gemeinschaft, den Orden, die Kirche.

Dieser Lauheit kann man nicht mit Thermosflaschen beikommen, die künstlich die ursprüngliche Begeisterung erhalten. Es genügt nicht die Wärme, die Flamme, die unmittelbar und ununterbrochen die Temperatur des Herzens und des Lebenserwärmt, zu konservieren, man muss sie anfeuern. Ist nicht gerade das der Sinn jeglicher monastischen Disziplin, das Ziel all dessen, was die Regel des heiligen Benedikt uns rät und vorschreibt? Die treue Wiederholung der Gesten und Zeiten der Gemeinsamkeit mit Gott und den Brüdern und Schwestern bekämpft das unweigerliche Lauwerden, in das wir so leicht abrutschen, oder in das uns die illusorische Faszination der Welt hineinziehen will.

Das Feuer, das wir dringend benötigen und das wir ständig unterhalten müssen, ist die Liebe, die Liebe Gottes, die uns der Heilige Geist mitteilt. Ein Hymnus für die Terz lässt uns den Heiligen Geist darum bitten: „flammescat igne caritas – in Feuer entflamme die Liebe“. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig helfen, die Flamme der Liebe zu Christus lebendig zu erhalten, wie die Carta caritatis uns lehrt.

Quelle OCIST

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