Wilde, kritische Zeiten der Kirche

Daß in jenen Trauerzeiten der Kirche eine greuliche Sittenlosigkeit und das Laster der Simonie bis zu den höchsten Stellen im Klerus eingerissen waren, erklärte mir leider zur Genüge die damals sich vollziehende große Abspaltung, war sie aber damit berechtigt? Mußte sie sein? …

Bei dieser Erwägung gedachte ich wie der Herr Jesus so deutlich das Unkraut zwischen dem Weizen vorhergesagt hat, wie er selbst gebrechliche Menschen zu seinen Jüngern nahm, den diese Jünger alle verließen, er aber entließ sie nicht, – den Judas um dreißig Silberlinge verriet, er aber schenkte ihm seine trauernde Erlöserliebe bis ans bittere Ende, – den Petrus, der Felsenmann, verleugnete, er aber nahm seine Verheißungen nicht von ihm, sondern bestätigte sie feierlich nach seiner Auferstehung und sagte ihm sein glorreiches Martyrium voraus, „mit dem er Gott preisen werde“.

So hatte der unendliche getreue Herr auch seine Kirche in den wilden, kritischen Zeiten – wo es scheinen konnte, als sollten die Pforten der Hölle sie doch überwältigen – durch die unversehrt erhaltene Lehre, die auf Grund ununterbrochener Weitergabe der Weihe auch ununterbrochene Priesterreihe seit den Aposteln, durch Heilige und Büßer, deren es zu jeder Zeit in ihr gab, und durch die nie versiegenden Gnadenströme der Sakramente, am Leben erhalten, geheiligt, verjüngt und neu besiegelt bis auf den heutigen Tag.

(aus: Meine Heimkehr. Ein Bekenntnis von Ingeborg Magnussen. Verlag Kühlen 1926)

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