In besonderer Meinung – Beim Tabernakel

Beim Tabernakel

Ein liebes Plätzchen hab‘ ich
auf Gottes weiter Welt,
wo es vor allen andern
am besten mir gefällt.
Da hätte ich so gerne
ein Hüttchen mir erbaut:
beim stillen Tabernakel,
da ist das Plätzchen traut.

Oft hat‘ s mich hingezogen
so stark und doch so mild,
und ach, ich ließ dies Sehnen
oft leider unerfüllt!
O Jesus, liebster Jesus,
Wie konnte dies nur sein,
im stillen Tabernakel
ließ ich Dich ganz allein!

Doch sieh, er hat gesieget,
der dort verborgen ruht,
Er hat dies Herz gefesselt
durch seiner Liebe Glut,
es hat besiegt mein Jesus
in mir den kalten Sinn;
ja, vor dem Tabernakel
möcht‘ sterben ich für ihn!

O wenn ich dorten weile
im heil’gen Hochgenuss,
dann bietet er ganz gütig
mir seiner Liebe Gruß.
Ich staune, wie mein Jesus
die Sund‘ so ganz vergisst;
ja, hier beim Tabernakel
fühl‘ ich, was Liebe ist.

Und bin ich arm und dürftig
und fehlet Gnade mir,
Ich weiß wo ich sie finde:
Ich eile Herr, zu Dir!
Du kennest mich, mein Jesus
und hilfst in Not mir gleich;
ja, dort beim Tabernakel
bin ich unendlich reich.

Und bin ich krank und elend
und brauche ich Arznei,
so weiß ich, dass beim Heiland
für mich die beste sei.
Es reicht sich mir mein Jesus
zur sel’gen Morgenstund‘;
vor seinem Tabernakel,
da bin ich bald gesund.

Und wenn man mich gekränket,
wenn ich betrübet bin,
so trag‘ ich meinen Kummer
zu ihm ganz kindlich hin.
Ich fühl‘ es wohl, mein Jesus,
du weilst und wirkest hier,
denn aus dem Tabernakel
strömt starker Trost zu mir.

Hab‘ ich in meinen Kämpfen
gesiegt für meinen Herrn,
dann eil‘ ich zu ihm freudig,
das künd‘ ich ihm so gern.
Und sieh‘ der gute Jesus,
Er harret meiner schon,
und aus dem Tabernakel
reicht er mir süßen Lohn!

Schwankt‘ ich in meinem Zweifel
und find‘ den Ausweg nicht,
ich weiß, wer mich belehret
treu über meine Pflicht:
ich eil‘ zu meinem Jesus,
der innig lieb mich hat,
und bei dem Tabernakel
find‘ ich stets guten Rat.

Und wenn ich ganz erschöpfet,
von der getanen Pflicht,
am Abend möchte ruhen –
eins doch vergeß‘ ich nicht:
ich geh‘ zu meinem Jesus,
der nächtlich für mich wacht;
beim stillen Tabernakel
sag‘ ich ihm: „Gute Nacht.“

Und kommt der letzte Abend,
und kann ich nicht mehr hin,
so wird er selbst in Liebe
zu seinem Kinde ziehn.
Ja, Jesus, liebster Jesus,
ich kam so oft zu Dir,
komm dann vom Tabernakel
du tröstend auch zu mir.

Und hab‘ ich einst vollendet –
bin starr im Tode schon,
dann führe meine Seele
hinauf vor Gottes Thron:
nimm auf in Deine Arme,
Herr Jesus, dann Dein Kind,
dass, wie beim Tabernakel,
auf ewig eins wir sind.

Mit Maria, der unbefleckt Empfangenen,
lasst uns anbeten und dankbar verehren,
anrufen und trösten das heiligste und
liebenswürdigste eucharistische Herz Jesu.
Amen!

(200 Tage Ablass. Pius X. – 19. 12. 1904).
Mit kirchlicher Gutheißung.

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