Der Gegenstand der christlichen Abtötung – 3 / 9

KARDINAL DESIRE MERCIER

CHRISTLICHE ABTÖTUNG

1. Abschnitt:

Gegenstand der christlichen Abtötung.

Die christliche Abtötung hat zum Ziel, die bösartigen Einflüsse unwirksam zu machen, welche die Erbsünde noch in unseren Seelen ausübt, selbst nachdem die Taufe sie erneuert hat.

Wenn auch unsere Erneuerung in Christus die Sünde in uns vollständig tilgt, läßt sie uns dennoch weit entfernt von der ursprünglichen Lauterkeit und dem ursprünglichen Frieden. Das Konzil von Trient anerkennt, daß die Sinnenlust, das heißt die dreifache Begierlichkeit des Fleisches, der Augen und des Stolzes, sich in uns spürbar macht, selbst nach der Taufe, um uns zu den glorreichen Kämpfen des christlichen Lebens anzuspornen. (1)
(1) O „Daß aber in den Getauften die Begierlichkeit oder der Hang zur Sünde (= concupiscentia vel fomes) verbleibt, das bekennt und weiß diese Heilige Kirchenversammlung; da diese aber für den Kampf zurückgelassen ist … . Wenn der Apostel diese Begierde gelegentlich ,Sünde‘ nennt (Rom. 6, 12 ff.), so erklärt die Heilige Kirchenversammlung, daß die katholische Kirche ihre Benennung als Sünde niemals so verstanden hat, daß in den Wiedergeborenen wirklich und eigentlich Sünde wäre, sondern weil sie aus der Sünde stammt und zur Sünde geneigt macht.“ (Konzil von Trient, 5. Session, Dekret über die Erbsünde – DB 792)

Diese dreifache Begierlichkeit ist es, die die Heilige Schrift bald den „alten Menschen“ nennt, der dem „neuen Menschen“ entgegengesetzt ist (nämlich Jesus, der in uns lebt, und wir selbst in Jesus); bald „das Fleisch“ oder die gefallene Natur, die dem „Geist“, d. h. der durch die übernatürliche Gnade erneuerten Natur entgegengesetzt ist. Diesen „alten Menschen“, bzw. dieses „Fleisch“, das heißt den ganzen Menschen mit seinem zweifachen moralischen und physischen Leben muß man, ich sage nicht zunichte machen (denn das ist ein Ding der Unmöglichkeit solange das gegenwärtige Leben dauert), aber „abtöten“, das bedeutet, ihn praktisch zur Ohnmacht, zur Indifferenz und Unfruchtbarkeit (Sterilität) eines Toten führen. Man muß ihn daran hindern, seine „Frucht“ zu bringen, die in der Sünde besteht, und seine Tätigkeit in unserem ganzen moralischen Leben aufheben.

Die christliche Abtötung muß also den ganzen Menschen umfassen und sich auf alle Bereiche unserer Aktivität erstrecken, in denen unsere Natur fähig ist, sich zu bewegen.

Solcherart ist der Gegenstand der Tugend der Abtötung: wir werden ihre Anwendung (Praxis) aufzeigen, indem wir nacheinander die vielfältigen Äußerungen von Aktivität durchlaufen werden, in denen sie sich bei uns offenbart:

1. ) Die organische Aktivität oder das körperliche Leben.

2. ) Die Sinnestätigkeit, die ausgeübt wird sei es in Form von sinnlich wahrnehmbarer Erkenntnis durch die äußeren (fünf) Sinne oder durch die Einbildungskraft, sei es in Form von sinnlicher Begierde oder Leidenschaft.

3. ) Die vernunftmäßige und freie Aktivität: Ursprung unserer Gedanken, Urteile und Willensentscheidungen.

4. ) In der Folge werden wir die Kundgebung unseres Seelenlebens nach außen oder unsere äußeren Handlungen betrachten.

5.) Und schließlich unsere wechselseitigen Beziehungen zum Nächsten.

(Wird fortgesetzt)

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