Der Gegenstand der christlichen Abtötung – 5 / 9

Punkt 2: Abtötung der Sinne, der Einbildungskraft und der Leidenschaften

1. ) Schließen Sie vor allem und immer Ihre Augen vor jedem gefährlichen Anblick und sogar (haben Sie ruhig den Mut dazu!) vor jedem eitlen und unnützen Anblick. Sehen Sie ohne zu betrachten; sehen Sie niemandem ins Gesicht um darin Schönheit oder Häßlichkeit zu unterscheiden.

2. ) Halten Sie Ihre Ohren geschlossen anläßlich von Schmeicheleien, Lobeserhebungen, Verführungen, schlechten Ratschlägen, üblen Nachreden, verletzenden Spötteleien, Indiskretionen, bei böswilliger Kritik, bei Verdachten, die Ihnen mitgeteilt werden, und bei jedem Wort, das zwischen zwei Seelen die kleinste Abkühlung verursachen kann.

3. ) Wenn Ihr Geruchssinn irgendetwas zu leiden hat infolge gewisser Gebrechen oder Krankheiten Ihres Nächsten, dann schöpfen Sie daraus — weit davon entfernt, sich jemals darüber zu beklagen — eine heilige Freude.

4. ) Was die Qualität der Lebensmittel anbelangt, so haben Sie große Achtung vor dem Ratschlag unseres Herrn! „Eßt, was man euch vorsetzt. Eßt, was gut ist, ohne daran Gefallen zu finden, und das, was schlecht ist, ohne eure Abneigung zu bekunden; man erzeige sich sowohl beim einen als auch beim anderen ebenso gleichmütig (= indifferent).“ Das ist, sagt der heilige Franz von Sales, die wahre Abtötung.

5. ) Bieten Sie Gott Ihre Mahlzeit an, legen Sie sich bei Tisch eine kleine Entbehrung auf; versagen Sie sich zum Beispiel ein Körnchen Salz, ein Glas Wein, eine Süßigkeit, etc. Ihre Tischgenossen werden das gar nicht bemerken, aber Gott wird es Ihnen anrechnen.

6. ) Wenn das, was man Ihnen vorsetzt, Ihre Eßlust lebhaft anstachelt, dann denken Sie an die Galle und den Essig, mit denen unser Herr am Kreuze getränkt wurde: das kann Sie zwar nicht vom Genießen abhalten, aber es wird der Lust als Gegengewicht dienen.

7. ) Man muß jeden sinnlichen Kontakt vermeiden, jegliche Zärtlichkeit, in die man irgendetwas von Leidenschaft hineinlegen oder darin suchen würde, an der man eine hauptsächlich sinnliche Freude fände.

8. ) Verzichten Sie darauf, sich zu wärmen; außer es sei Ihnen notwendig, um sich ein Unwohlsein zu ersparen.

9. ) Ertragen Sie alles, was naturgemäß das Fleisch bekümmert; ganz besonders die Kälte des Winters, die Hitze des Sommers, ein hartes Nachtlager und alle Unbequemlichkeiten gleicher Art. Machen Sie zu jeder Zeit ein fröhliches Gesicht, lächeln Sie bei allen Temperaturen. Sprechen Sie mit dem Propheten: „Kälte, Hitze und Regen, preiset den Herrn!“ – Wie glücklich wären wir, wenn wir dahin gelangen könnten, dieses Wort ehrlichen Herzens zu sprechen, das dem heiligen Franz von Sales vertraut war: „Niemals fühle ich mich wohler, als wenn ich mich nicht wohl fühle.“

10. ) Töten Sie Ihre Einbildungskraft ab, wenn sie Sie durch die Verlockung eines glänzenden Postens verfuhrt, wenn sie Sie betrübt durch die Aussicht auf eine düstere Zukunft, wenn sie Sie beunruhigt durch die Erinnerung an ein Wort oder eine Handlung, die Sie beleidigt haben.

11. ) Wenn Sie in sich das Bedürfnis zu träumen verspüren, dann töten Sie es erbarmungslos ab.

12. ) Demütigen Sie sich mit größter Sorgfalt in Bezug auf die Ungeduld, auf die Reizbarkeit und auf den Zorn.

13. ) Unterziehen Sie Ihre Wünsche von Grund auf einer Prüfung und unterwerfen Sie sie der Kontrolle durch die Vernunft und den Glauben: Wünschen Sie nicht eher ein langes Leben, als ein heiligmäßiges Leben? Ein Leben des Vergnügens und des Wohlstandes ohne Kummer und Schmerzen, ein Leben der Siege ohne Kämpfe, ein Leben der Erfolge ohne Rückschläge, ein Leben der Beifallskundgebungen ohne Kritik, ein bequemes und ruhiges Leben ohne ein Kreuz irgendwelcher Art; das heißt: ein Leben, das dem unseres Göttlichen Heilandes total entgegengesetzt ist?

14. ) Seien Sie auf der Hut davor, sich bestimmte Gewohnheiten anzueignen, die, ohne daß sie tatsächlich schlecht sind, unheilvoll werden können: wie zum Beispiel die Gewohnheit, minderwertige Lektüre zu lesen, Glücksspiele, usw.

15. ) Suchen Sie Ihren vorherrschenden Fehler kennenzulernen; und sobald Sie ihn erkannt haben, verfolgen Sie ihn bis in seine letzten Schlupfwinkel hinein. Unterwerfen Sie sich zu diesem Zweck ehrlichen Herzens all dem, was an Eintönigem und Langweiligem in der Praxis der besonderen Gewissenserforschung enthalten sein könnte.

16. ) Es ist Ihnen nicht verboten, Zuneigungen zu haben und diese auch zu zeigen; aber seien Sie auf der Hut gegenüber der Gefahr, das rechte Maß zu überschreiten. Bekämpfen Sie energisch die allzu natürlichen Anhänglichkeiten, die besonderen Freundschaften und alle die weichlichen Empfindsamkeiten des Herzens.

(Wird fortgesetzt)

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