Beten für die Sterbenden

Es zählt zu den größten Liebeserweisen Gottes, daß er sogar sündige Menschen an der Rettung ihrer Mitmenschen teilnehmen läßt. Wenn er bei einem Menschen an die Schranken des freien Willens stößt, dann wartet er noch darauf, daß ein Geschöpf ihm den Weg frei mache, damit er in einem letzten großen Gnadenakt bei einem Sterbenden Barmherzigkeit vor Gerechtigkeit walten lassen könne. Ein solches Werk wird durch das stille, demütige, stellvertretende Beten und Sühnen gottliebender Seelen, durch ihr Bemühen, den Mangel an Liebe anderer Menschen durch eine verdoppelte eigene Liebe auszugleichen, vollbracht.

Papst Pius XII. spricht dies in der Enzyklika Mystici corporis aus: „Es ist ein schaudererregendes Geheimnis, daß Gott das ewige Heil vieler vom Eifer der anderen abhängig gemacht hat.
Die Worte der Mutter Gottes in Fatima bestätigen des Papstes Ansicht: „Betet und opfert für die Sünder. Es gehen viele verloren, weil niemand für sie betet.“
In Lourdes blickte die seligste Jungfrau über den Kopf Bernadettes einmal traurig in die Ferne. Auf die Frage, was sie so betrübe, antwortete sie bloß: „Beten Sie für die Sünder!“ Sah sie in diesem Augenblick jene Seelen, die eben in Gefahr waren, in der Todesstunde auf ewig verdammt zu werden? […]

Auf die Frage, wie wir den Sterbenden praktisch helfen können, ist die Antwort einfach: durch Beten und Opfern, wie es Unsere Liebe Frau in Lourdes und in Fatima uns gesagt hat. Gebet und Opfer sind die sich uns bietenden Möglichkeiten, helfend einzugreifen: das Gebet im eigentlichen Sinn und als Gottesdienst überhaupt, und das Opfer, wie das Leben es zur Genüge auferlegt und wie wir es als freiwillige Zutat bringen können.

Jesus hat ausdrücklich jedem Gebet, das in seinem Namen verrichtet wird, absolute Erhörung versprochen. „Um was immer ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das will ich euch geben.“ Das gilt um so mehr, wenn wir im wahrsten Sinn des Wortes in seinem Namen, d.h. in seiner Intention beten: wenn wir für die armen Sterbenden beten. Die kleine heilige Theresia äußert sich tiefschürfend über das Gebet: „Wie groß ist doch die Macht des Gebetes! Man könnte es mit einer Königin vergleichen, die allzeit freien Zutritt hat beim König und alles erlangen kann, worum sie ihn bittet.

Wenn hier vom Gebet für die Sterbenden die Rede ist, dann ist damit nicht nur das fallweise mündliche Gebet gemeint, sondern eine ständige Gebetshaltung in dieser Meinung: „Ihr sollt ohne Unterlaß beten.

Um eine solche Gebetshaltung der Seele zu erlangen, erscheint kaum etwas anderes geeigneter als eine Übung, die der Herr in einer Privatoffenbarung Sr. Consolata Betrone (1903-1946) selbst gelehrt und empfohlen hat. Es ist die in der Tiefe der Seele allzeit treu festgehaltene Anmutung: „Jesus, Maria, ich liebe Euch; rettet Seelen!“ Sie beinhaltet das Wesentlichste an übernatürlicher Lebensäußerung der Seele: Gott über alles lieben.
Der kleinste Akt reiner Liebe ist kostbarer in den Augen Gottes und nützlicher für die Kirche als alle anderen äußeren Werke zusammen“, sagt der heilige Johannes vom Kreuz. Ist es doch allein die Liebe, nach der der Herr sich sehnt.

Jesus erklärt sich hier solidarisch mit seiner heiligen Mutter, die als Miterlöserin ebenso der Liebe der Menschen würdig ist, die so viele Menschen ihm versagen. Das frohe, im Grund der Seele stets fortklingende „Jesus, Maria, ich liebe Euch; rettet Seelen“ ist das Gegengewicht zu dem unheimlichen „Nein“, das so viele ihm in ihrem Unverstand entgegenschleudern. Es ist die inständige Bitte um Erbarmen für alle, deren endgültiges Schicksal sich Augenblick für Augenblick erfüllt.

Groß sind die Verheissungen, die der Herr selbst daran knüpft: „Bedenke, daß ein Liebesakt über die ewige Seligkeit einer Seele entscheidet… .Jesus, Maria, ich liebe Euch; rettet Seelen‘ schließt alles ein: die Seelen im Fegfeuer wie in der streitenden Kirche, die Unschuldigen wie die Schuldigen, die Sterbenden, die Gottlosen, alle Seelen.

Genügt es uns nicht, wenn Jesus selber beteuert: Sage mir, welch schöneres Gebet könntest du mir geben als: Jesus, Maria, ich liebe Euch; rettet Seelen! Liebe und Seelen! Was gibt es Schöneres?

Ein Benediktiner – KU 2019,10 – Kirchliche Umschau

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