Hl. Franz von Sales – 29. Januar

Die tägliche geistliche Einkehr

Sooft es dir tagsüber möglich ist, rufe deinen Geist in die Gegenwart Gottes zurück … Denke an das, was Gott tut und womit du dich beschäftigst. Du wirst sein Auge auf dir ruhen sehen, das mit unbeschreiblicher Liebe ständig auf dich gerichtet ist. Warum, mein Gott, wirst du sagen, blicke ich nicht ständig auf Dich, wie Du immer auf mich schaust? Warum denkst Du so oft an mich, Herr, und ich denke so selten an Dich? Wo bist du, meine Seele? Deine wahre Heimat ist Gott; wo aber sind wir tatsächlich?

Die Vögel haben ihre Nester auf den Bäumen, um sich dorthin zurückzuziehen, wenn sie dessen bedürfen; der Hirsch hat sein Gebüsch und sein Dickicht, in dem er sich verbirgt und vergräbt und im Sommer sich der Kühle des Schattens erfreut. So muss auch unser Herz sich jeden Tag irgendeinen Platz suchen, den Kalvarienberg, die Wunden des Herrn oder einen Ort nahe bei ihm, um sich dorthin inmitten der äußeren Arbeit bei jeder Gelegenheit zurückzuziehen, sich dort zu stärken und zu erholen und sich wie in einer Festung gegen die Versuchung zu verteidigen. Glücklich eine Seele, die in Wahrheit zum Herrn sagen kann:
Du bist meine Zuflucht, mein Schutzwall, mein Dach gegen den Regen, mein Schatten gegen die Hitze“ (Ps 31,3; Sir 34,19).

Führe also dein Herz immer wieder in die Einsamkeit, während du nach außen hin im Gespräch oder bei Geschäften bist. Diese geistige Einkehr kann in keiner Weise durch die Gegenwart vieler Menschen verhindert werden; sie umgeben dich ja nur äußerlich, während dein Herz ausschließlich in der Gegenwart des alleinigen Gottes bleibt. Wie die Psalmen zeigen, verfuhr David so bei all seinen Beschäftigungen:
Herr, ich bin immer bei Dir“ (Ps 73,23).
Ich sehe meinen Gott immer vor mir“ (Ps 15,8).
Ich habe meine Augen zu Dir erhoben, o Gott, der Du im Himmel thronst“ (Ps 123,1).
„Meine Augen sind immer auf Gott gerichtet“ (Ps 25,15). –

Gespräche sind ja gewöhnlich nicht so wichtig, dass man nicht von Zeit zu Zeit sein Herz davon zurückziehen könnte, um es in diese göttliche Einsamkeit zu führen.

Die Eltern der hl. Katharina von Siena hatten dieser jede äußere Möglichkeit zu beten genommen. Da lehrte sie der Herr, in ihrem Herzen ein kleines Heiligtum zu errichten, wohin sie sich im Geist zurückziehen und dadurch mitten in äußeren Beschäftigungen der heiligen Herzenseinsamkeit obliegen könnte. Wenn die Welt sie angriff, dann lag ihr nichts daran; sie schloss sich in ihr Heiligtum ein, wo der göttliche Bräutigam sie tröstete. Deshalb riet sie auch allen geistlichen Kindern, sich im Herzen ein solches Gemach einzurichten und darin zu verweilen. Zieh dich also zuweilen von allen Gedanken zurück in dein Herz, damit deine Seele fern von allen Menschen innigste Zwiesprache mit ihrem Gott halten und mit David sagen kann:
Gleich dem einsamen Falken habe ich gewacht, wie Nachtkauz und Eule mich in alten Mauern verborgen und war dem einsamen Sperling auf dem Dache gleich“ (Ps 102.7).

Diese Worte zeigen uns in ihrer ursprünglichen Bedeutung, dass dieser große König manche Stunde einsam in der Betrachtung göttlicher Dinge verbrachte; im mystischen Sinn weisen sie uns auf drei vorzügliche Zufluchtsorte hin, gleichsam drei Einsiedeleien, wo wir uns in der Einsamkeit bemühen können, dem Heiland ähnlich zu werden. Er war ja auf dem Kalvarienberg dem „einsamen Pelikan“ gleich, der durch sein Blut seine Jungen wieder ins Leben zurückruft; er war bei seiner Geburt im verlassenen Stall gleich der „Eule im alten Gemäuer“, als er weinend unsere Fehler und Sünden beklagte; und am Tage der Himmelfahrt war er dem „Sperling“ gleich, als er zum Himmel emporstieg, der das Dach der Welt ist. Zu jeder dieser drei Stätten können wir aus dem Trubel unserer Geschäfte unsere Zuflucht nehmen. Als der selige Graf Eleazar von Arien in der Provence lange Zeit fern von seiner frommen und keuschen Frau Delphina weilte, sandte sie ihm einen Boten, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Eleazar schickte ihr folgende Antwort:
Es geht mir gut, liebste Gemahlin. Wenn Du mich sehen willst, dann suche mich in der Seitenwunde unseres gütigen Heilands; dort wohne ich, dort wirst Du mich finden. Anderswo suchst Du mich vergeblich.

(Vom heiligen Bischof Franz von Sales)

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