Deutsche Bischöfe zwischen 1959 und 1971 – 2/7

Tausende verzichteten auf ihr Priestertum und ließen sich laisieren! Unter diesen Umständen sollte man die Schuld für den Bruch und die Verwüstung, die das Haus voll Glorie entstellt haben, nicht bei den 68ern suchen, die doch völlig kirchenfern sind, und auch nicht bei der fortschreitenden Säkularisierung, der die Kirche in den letzten Jahrhunderten als Stadt auf dem Berge und als Licht, das man nicht unter den Scheffel stellen darf, so eindrucksvoll widerstanden hat. Man sollte sie im Konzil selber suchen, und zwar nicht so sehr in den unklaren und mißverständlichen Texten, sondern in der neuen und in der Kirche bis dahin unbekannten Fortschrittsfreudigkeit und Begeisterung für die Einheit der Menschheit, die wie ein Rausch über seine Wortführer gekommen ist und vor allem in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ faßbar ist.

Vor dem Hintergrund dieses gewaltigen geistesgeschichtlichen Dramas, das an Reinhold Schneiders Wort erinnert, daß der Kampf auf dieser Erde ein Nachhall des Kampfes der Geister in den Lüften ist, scheint der bienenfleißige Versuch von Joachim Schmiedl, Professor an der philosophisch-theologischen Hochschule in Vallendar, die Stellungnahmen der deutschen Bischöfe zum Konzil aus den kirchlichen Amtsblättern der damaligen Zeit zu eruieren, auf den ersten Blick verfehlt und von tantenhafter Betulichkeit zu sein. – [Joachim Schmiedl: Dieses Ende ist eher ein Anfang. Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die deutschen Bischöfe (1959-1971). Ferdinand Schöningh. Paderborn 2014]

Und doch ist die Arbeit aus »Kein geringerer als der Paderborner Erzbischof Lorenz Jäger verteidigte noch 1958 die lateinische Sprache als „Zeichen für die Einheit der Kirche“ und „Ausdruck unserer Ehrfurcht vor dem heiligen Geschehen im Gottesdienst“.« zwei Gründen sehr aufschlußreich, wenn man nur die Kunst beherrscht, zwischen den Zeilen zu lesen und ihnen […], was eher ungesagt blieb.

Zunächst einmal ist an das Wort Kardinal Sepers, des Vorgängers von Kardinal Ratzinger im Amt des Präfekten der Glaubenskongregation, zu erinnern, daß die Krise der Kirche eine solche der Bischöfe ist. Und in diesem Zusammenhang zeigen uns die Dokumente und Berichte, wie die Bischöfe, hin- und hergerissen zwischen tradierter Frömmigkeit und konziliarer Euphorie, zunächst teilweise warnend und zögernd auf die neuen Entwicklungen reagierten, um am Ende ahnungslos für das, was auf die Kirche zukam, vor dem Mainstream der Veränderung um jeden Preis immer mehr zu kapitulieren.

Sodann zeigen sie uns auch, daß es einfach nicht wahr ist, daß die Kirche schon vor dem Konzil so sehr am Boden gelegen und an Akzeptanz verloren hätte, daß das Aggiornamento und die ,Öffnung für die Welt‘ schließlich unausweichlich gewesen seien.

Die auf den ersten Blick seltsame Methode, die Krise der Kirche durch die quellenkritische Analyse von Amtsblättern aufzubereiten, führt den Verfasser zwischen Scylla und Charybdis. Schlaglichtartig tritt seine persönliche Einstellung in der Bemerkung zutage, daß in der medialen Öffentlichkeit die durch das Motu proprio „Summorum pontificum“ erweiterte Möglichkeit zur liturgischen Feier der alten Messe ein „weitgehend erschrockenes Echo“ hervorgerufen habe. Und doch sprechen die Aufweise eine andere Sprache und zeigen eine Kirche, die noch zu Beginn des Konzils weitgehend intakt war.

(Walter Hoeres: Widerspruchsvolle Bekenner – Deutsche Bischöfe zwischen 1959 und 1971, KIRCHLICHE UMSCHAU, Januar 2015)

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Ein Kommentar zu „Deutsche Bischöfe zwischen 1959 und 1971 – 2/7

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