Deutsche Bischöfe zwischen 1959 und 1971 – 4/7

Vorreiter der Liturgiereform – 1/2

Bei der Liturgiereform wird diese Widersprüchlichkeit weniger deutlich faßbar, weil sich hier schon lange vor dem Konzil unter der Stabführung von Romano Guardini und anderen ein Grummeln und eine Unruhe breitgemacht hatten, der nur wenige Oberhirten so entschieden wie der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber unter klarer Voraussicht der Folgen Widerstand leisteten. Hier schon wurden die Keime gelegt für das heutige Mißverständnis der participatio actuosa, die nun in gemeinschaftsfördernden Aktivitäten statt im gemeinsamen Blick auf das hl. Opfer und den in ihm gegenwärtigen Christus gesucht wurde.

In immer neuen tastenden bis dreisten Versuchen wurde auch schon lange vor dem Konzil der Aufstand gegen die sakrale lateinische Kultsprache geprobt, die durch die Jahrhunderte hindurch die Gottesdienstgemeinden auf der ganzen Welt zusammengehalten und verbunden hatte. Immerhin hat noch 1958 der Paderborner Erzbischof Lorenz Jäger die lateinische Sprache als „Zeichen für die Einheit der Kirche“ und „Ausdruck unserer Ehrfurcht vor dem heiligen Geschehen im Gottesdienst“ verteidigt.

Aber schon 1965, also vor der verbindlichen Einführung des von Annibale Bugnini entworfenen und von Paul VI. nur leicht modifizierten Novus Ordo am 28. Mai 1969, trieben die deutschen Bischöfe die Reformen mit Macht voran. Seltsam ist es, im Rückblick die unverhohlene Freude zur Kenntnis zu nehmen, mit der ausgerechnet ein katholischer Kirchenfürst, der doch ex definitione der Tradition verpflichtet sein sollte, die Liquidierung des Althergebrachten begrüßte.

So teilte Kardinal Frings seinen Kölner Erzdiözesanen am ersten Fastensonntag 1965 mit:
„Auf dem Wege der liturgischen Erneuerung, die das Konzil beschlossen hat, wird ein großer Schritt getan. Jahrhundertealte vertraute Formen werden abgelöst. Neben das Lateinische, das seit mehr als anderthalb Jahrtausenden die Messe der abendländischen Kirche geprägt hat, tritt der Gebrauch der Muttersprache. Wir sind Zeugen eines tiefgreifenden Wandels. Schon in der nächsten Urlaubszeit werden viele von euch sehen, wie die ersten Früchte der Erneuerung von Land zu Land verschieden ansetzen.“

Die Freude an der Veränderung, der Furor des Neuen hatte nun gerade die deutschen Bischöfe ergriffen und so gab es kein Halten mehr. Schon vor der verbindlichen Einführung des Novus Ordo eröffneten sie für ihre Diözesen die Möglichkeit zur Handkommunion. Mit Reskripten vom 28. November 1967 und 14. Februar 1968 gab die Sakramentenkongregation schließlich auf sanften Druck von unten der Bitte der Deutschen Bischofskonferenz nach, auch die Kommunionspendung durch Laien zu ermöglichen.

Mir ist noch gut erinnerlich, wie die traditionelle, nunmehr als triumphalistisch empfundene Fronleichnamsprozession in meiner Heimatpfarrei durch eine zwanglose Eucharistiefeier auf der grünen Wiese ersetzt wurde, während die Prozessionen in anderen Pfarreien durch den permanenten Hinweis auf angeblich unsichere Wetterverhältnisse, die vordem niemanden gestört hatten, in schöner Regelmäßigkeit abgesagt wurden.

Immerhin haben sich die Bischöfe Graber von Regensburg, Bischof Stimpfle von Augsburg und Kardinal Höffner entschieden für die Beibehaltung der Prozessionen eingesetzt. Ob ihre Intervention in dem neuen Klima der konziliaren Wende erfolgreich war, wagen wir indessen aus zwei Gründen zu bezweifeln.

(Walter Hoeres: Widerspruchsvolle Bekenner – Deutsche Bischöfe zwischen 1959 und 1971, KIRCHLICHE UMSCHAU, Januar 2015)

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