Deutsche Bischöfe zwischen 1959 und 1971 – 5/7

Vorreiter der Liturgiereform – 2/2

Zunächst einmal waren die wenigen Prozessionen, an denen ich dann noch teilgenommen habe, so sehr durch intensive Aufrufe zur Mitmenschlichkeit und Solidarität mit allen Unterdrückten und der Dritten Welt geprägt, daß darüber der eigentliche theophorische und latreutische Zweck gänzlich zurücktrat. Sodann genierte man sich nicht, ausgerechnet die Fronleichnamsprozession als ökumenisches Ereignis zu feiern.

Bei der zentralen Frankfurter Fronleichnamsprozession 1987 schritt der katholische Stadtdekan Greef zusammen mit der evangelischen Kirchentagspräsidentin unmittelbar vor dem Allerheiligsten einher. Bei der Münchener Prozession legten Protestanten und Katholiken nur das letzte Wegstück gemeinsam zurück, um den „konservativen Kritikern“ und „fundamentalistischen Störenfrieden“ den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber auch so bleibt der Skandal, daß ausgerechnet dieses einzigartige Fest, an dem die Katholiken einem Gottesgeschenk huldigen, für das die Protestanten nicht das geringste Verständnis haben, zum Schauspiel einer nicht vorhandenen Einheit umfunktioniert wurde. – [Vgl. dazu: Walter Hoeres: Thematische Prozessionen. In: Zwischen Diagnose und Therapie (Respondeo 14). Siegburg 2001. S. 104 ff.]

Die tiefe Unsicherheit, welche die Bischöfe ständig zwischen der Erneuerung, die in Wirklichkeit eine Auflösung der Sakralität bedeutete, und der legitimen Sorge um das unverzichtbare Erbe oszillieren ließ, zeigte sich post festum dann immer wieder in den sich häufenden Warnungen vor Eigenmächtigkeiten in der Feier der Eucharistie. Sie blieben folgenlos, weil sie nicht mit Sanktionen beschwert waren, während es andererseits traditionstreue Priester kaum wagen konnten, die alte Messe zu feiern.

Kardinal Höffner sprach seine Sorgen in einem Brief an die Priester aus:
„Ich bitte Sie herzlich, liebe Mitbrüder, nehmen Sie Rücksicht auf die Gläubigen und halten Sie sich an die liturgische Ordnung der Kirche. Manchmal habe ich den Eindruck, daß es bei gewissen Formen des Wildwuchses nicht so sehr um das Selbstverständnis der Gemeinde, als vielmehr um das persönliche Selbstverständnis des einzelnen Priesters geht.“

Der Münsteraner Bischof Tenhumberg sah sich 1971 veranlaßt, die Verpflichtung zur ausschließlichen Verwendung biblischer Texte bei den Lesungen der Eucharistiefeier einzuschärfen und vor allem vor der Verwendung nicht approbierter Texte beim Hochgebet zu warnen: Warnungen, für die er sich anschließend bei der Dekanatskonferenz rechtfertigen mußte.

Geradezu prophetisch auch für die Gegenwart ist aber vor allem der Hinweis des Mainzer Kardinals Volk, der schon im September 1971 auf ein Problem hingewiesen hat, das sich seiner Meinung nach aus der fast ausschließlichen Konzentration auf die neue Eucharistiefeier ergab. Wortgottesdienste, Andachten und Vespern seien in den Gemeinden zurückgegangen und es werde in den Pfarreien außerhalb der hl. Messe viel weniger gebetet. Und so bestehe die Gefahr, „daß wir den Sinn für manches Element des christlichen Glaubens und Lebens verlieren“.

Die Diagnose ist zweifellos richtig. Sakramentsandachten, Andachten zum hl. Herzen Jesu, stille Anbetung sind nahezu völlig aus den Kirchen verschwunden, die nunmehr auch tagsüber häufig geschlossen bleiben. Fatima-Prozessionen und dergleichen findet man ohnehin nur noch vereinzelt in traditionstreuen, „konservativen“ Zirkeln. Über die Gründe dieser Entwicklung kann man freilich mit dem ehemaligen Mainzer Ordinarius streiten.

Sie hängen wohl nur deshalb mit der modernen Eucharistiefeier zusammen, weil diese selber in ihrer profanierten Gestalt, die so wenig von dem mysterium tremendum des hl. Opfers erahnen läßt, mit verantwortlich ist für das allgemeine Verdunsten des Glaubens an die wahre und wirkliche Gegenwart des Herrn im allerheiligsten Altarsakrament, das sich auch darin zeigt, daß man den Tabernakel in die Ecke oder Seitennische verbannt hat und bei der Inzens, sofern diese selten genug noch stattfindet, zwar den Mahltisch, nicht aber den eucharistischen Heiland ehrt.

(Walter Hoeres: Widerspruchsvolle Bekenner – Deutsche Bischöfe zwischen 1959 und 1971, KIRCHLICHE UMSCHAU, Januar 2015)

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